Katrin McClean

Reise in ein bestraftes Land

Tagebuch einer Reise nach St. Petersburg und auf die Krim vom 29. August bis 16. September 2016


12.8.2016 - Vorspiel mit Säbelrasseln

Die Entscheidung, unseren Jahresurlaub 2016 in Russland zu verbringen, haben wir schon im März gefällt. Die fragwürdige Berichterstattung über Russland und den Ukraine-Konflikt in unseren Medien, die Dämonisierung des russischen Präsidenten erscheinen uns so irrational, dass wir es als einen Akt der Rettung des gesunden Menschenverstandes verstehen, einfach mal selbst in dieses bestrafte – sprich sanktionierte – Land zu fahren und uns mit eigenen Augen begründete Ansichten zu bilden.

Aber natürlich brauchen wir auch Urlaub und Erholung, und da liegt es ja nahe, ins Urlaubsparadies auf die Krim zu fahren. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes wollen wir dabei kühn ignorieren. Über das Verbot für deutsche Reiseveranstalter, touristische Angebote für die Krim zu machen, setzen wir uns hinweg, indem wir unseren Flug auf die Krim einfach selber buchen. Unterkünfte vor Ort wird es schon geben.
Die Reaktionen, die wir nun im Vorfeld von Freunden und Bekannten ernten, kennzeichnen schon die ganze aufgeregte Stimmung. Auf der einen Seite Zustimmung, auf der anderen Entsetzen. Gerade bei den Entsetzten ist die Reaktion oft mit Unwissen gepaart. „Ihr fahrt ins Kriegsgebiet?“, bekommen wir mehr als nur einmal zu hören. Manche wissen nicht einmal, dass nur in der Ost-Ukraine Bürgerkrieg herrscht, es auf der Krim jedoch beim angeblichen „Einmarsch der Russen“ kein einziges Todesopfer gab.
Auch wenn unsere Medien faktisch nur vom „völkerrechtswidrigen“ Referendum berichtet haben, das ständige Reden von Annektion hat seine Wirkung getan und das Bild von einer russischen Armee, die die Krim besetzt hält und schlimmstenfalls täglich auf ihr wütet, hängt in so manchen Köpfen fest. Da wir viel Gegenteiliges gehört haben, ist unsere Angst nicht besonders groß. Jetzt gab es allerdings doch eine Schrecksekunde. An der Grenze zur Ukraine soll eine ukrainische Bande festgenommen worden sein, die terroristische Akte auf der Krim geplant hat. Putin habe den Tätern harte Strafen angekündigt.

In westlichen Medien erheben sich erwartungsgemäß Schimpfkanonaden Richtung Kreml. „Stoppt Putin endlich!“, fordert ein Kommentator in der Welt. Und wieder einmal wird der Angegriffene zum Täter gemacht. Da wächst dann doch ein bisschen Besorgnis.
Ich will nicht gerade auf der Krim sein, wenn die USA entschieden haben, die Bevölkerung dort müsse endlich vom russischen Diktator befreit werden. Auch ukrainische Anschläge auf dem Boulevard von Jalta möchte ich nicht unbedingt erleben. Ich bin neugierig, aber definitiv keine Kriegsreporterin.
K. bewahrt wie immer die Ruhe. Erstens ist es derzeit selbst auf der Krim längst nicht so gefährlich wie in der Türkei, sagt er. Und selbst Touristen in Nizza müssten momentan mehr Angst vor Anschlägen haben als Touristen auf der Krim. Außerdem wäre eine Rückgabe unsere Tickets für den Krim-Flug ohnehin erst in Petersburg möglich, weshalb wir momentan gar nichts zu entscheiden brauchen. Eine unschlagbare Logik, die mich augenblicklich beruhigt.
Und sollte es wirklich zu dem äußerst unwahrscheinlichen Fall eines militärischen NATO-Russland-Konfliktes kommen, würden wir sowieso lieber gleich hinter den Ural abhauen. Und da ist Petersburg definitiv schon mal der bessere Ausgangspunkt als Hamburg.

24. August - Die Spannung steigt, die Spannungen auch

Die Aufregung um den Vorfall an der ukrainischen Grenze zur Krim hat sich schnell wieder gelegt. Doch natürlich bin ich vor unserer Reise noch immer sensibilisiert für russische Themen und gebe hin und wieder meine Ansichten auf facebook kund. Neben viel Zustimmung ernte ich wie gewohnt auch Angriffe. Besonders enttäuscht bin ich von einem Bekannten, den ich bis jetzt wegen seiner witzigen, ironischen Art sehr geschätzt habe. Beim Thema Putin hören Gelassenheit und Humor bei ihm auf. Er wird nicht nur bierernst, sondern auch unterirdisch stillos, beschimpft Putin als „homophobes, geisteskrankes Arschloch“ und reagiert auf Nachfragen, etwa, wie er zu dieser Einschätzung gelangt ist, mit Beleidigungen und einer „Entfreundung“. Ich bin wirklich schockiert, wie jemand seine sonst so ausgeglichene, lässige Art über Bord wirft, um sich in ein offensichtliches Feindbild hineinzusteigern. O-Ton: „Wenn jemand ein echtes Arschloch ist, brauche ich keine Argumente, um das zu belegen.“ Aua.
Ein vehementer Verteidiger der Meinungsfreiheit, der völlig dogmatisch wird, wenn er auf eine andere Meinung als die seine trifft.
Nun, ich nehme alle westlichen Vorwürfe an Putin und die russische Gesellschaft mit ins Gepäck, und nehme mir vor, sie vor Ort zu überprüfen.

Und los geht es:
Sanktionen? Was für Sanktionen?

Es ist der 29. August 2016. Vormittags elf Uhr, wir heben ab. Auf dem Flug nach St. Petersburg sitzen wir, umgeben von meist russischen Familien, neben einem Vertriebler aus Schwartau. Er bringt Maschinen zur Formung von Pasten (Schoko- oder Müsli-Riegel) in Süßigkeiten-Fabriken dies- und jenseits des Urals. Eine Kundin ist eine Mongolin, die von ihrem Vater Geld für die Gründung einer Müsli-Riegel-Fabrik bekommen hat und nun nach Krasnojarsk reist, wo sie mit dem Vertreter verhandeln kann. Die Fabrik aus Schwartau ist durch die Herstellung der berühmten Lübecker Marzipan-Brote groß geworden und verkauft deutsches Traditions-Know-How in alle Welt. Von Sanktionen hat unser Reisegefährte nur 2015 zu spüren bekommen. „Da ging gar nichts“, sagt er. Inzwischen habe sich das aber alles schon wieder beruhigt.

Auch nach unserer Ankunft merken wir wenig von einer westlichen Wirtschaftsblockade. Auf dem Flughafen begrüßen uns Macdonalds, Burgerking und Starbax-Kofe in kyrillischen Buchstaben. Mit dem öffentlichen Bus, der hier „Marschrutni“ heißt, fahren wir an Industrieparks vorbei, in denen alles versammelt ist, was in der westlichen Wirtschaft Rang und Namen hat. Coca Cola, Shell, Porsche, Salamander, VW, alle sind dabei.
Auch in den Regalen der Supermärkte wimmelt es von Dr. Oetker, Nestlé oder Jacobs. Vor allem die deutsche Ritter-Sport-Schokolade und die Riegel von Mars, Snickers, Nuts und Kitkat nehmen den köstlichen russischen Konfektis den Verkaufsplatz direkt an der Kasse weg.
Welche Sanktionen? fragt man sich da.
Vielleicht ist ja das Rauchverbot gemeint, das seit 2014 die Raucher in Russland genauso drangsaliert wie in Deutschland. Auf unser Nachfragen wird uns versichert, dass es keine einzige „Raucher-dürfen-unter-sich-bleiben-Kneipe“ in Petersburg gibt. Wir sind ein bisschen enttäuscht, dass Russland sich so ehrgeizig mit europäischen Standards gleich schaltet.

Auf den ersten Blick entdeckt man auf Straßen oder in der U-Bahn ohnehin keine großen Unterschiede. Auch hier starren alle Jugendlichen auf ihr IPhone und tragen enge Röhrenjeans.
Auch was die Musik-Beschallung in Bistros und Cafés betrifft, ist schnell klar, dass sich das russische Konsumleben westlich bzw. amerikanisch ausrichtet. Wie überall auf der Welt läuft vorwiegend amerikanischer und englischer Rock und Pop. Einige Titel allerdings in einem Englisch mit russischem Akzent. Vielleicht sind die Lizenzen für Robby Williams oder Madonna einfach zu teuer und russische Pop-Bands machen Cover-Versionen von den größten amerikanischen Hits. Die Musikvideos, die rund um die Uhr in Cafés und Restaurants laufen, sehen jedenfalls alle nach russischer Produktion aus. Die Ergebnisse sind interessant anzusehen, aber die Musik ist meistens viel zu laut und zu nervig für unsere Ohren.

Überhaupt ist Petersburg eine sehr betriebsame Stadt, in der man zum Beispiel rund um die Uhr in Supermärkten einkaufen kann, allerdings wird ab 22 Uhr bis morgens um elf der Alkohol weggesperrt. Damit sanktioniert die russische Gesellschaft eins ihrer größten Probleme, den Alkoholismus.
Besoffene Touri-Banden wie neulich noch auf der Karlsbrücke in Prag, wo wir von englischen und holländischen Kampftrinkern fast über den Haufen gerannt wurden, sehen wir in „Piter“ (die Abkürzung für das russische „Sankt Peterburg“) allerdings nicht. Auf mich wirken die Leute hier vor allem ziemlich ruhig. Es wird nicht so viel gelächelt wie bei uns. Darauf wurde ich schon vorbereitet. Ich habe den Eindruck, dass sich Russen vor allem auf das konzentrieren, was sie grad so zu tun haben. Das mag uns unfreundlich vorkommen, ist aber, glaube ich, nicht so gemeint.

Deutlich werden die Auswirkungen der Sanktionen bei einem Blick auf die Touristen-Scharen. Deutsche, Briten und Franzosen sind nur wenige anzutreffen, dafür wimmelt es von Chinesen und Indern. Dennoch funktioniert die Kommunikation nach westlichem Standard (noch?) gut. In Cafés und Restaurants scheitern unsere Bemühungen um russische Verständigung in der Regel an den wesentlich besseren Englisch-Kenntnissen unserer Kellner.

In späteren Begegnungen wird uns dann schon deutlich, dass eine wesentliche Folge der Sanktionen der Werteverlust des Rubels ist. Die unteren Einkommensschichten, Rentner und kinderreiche Familien können sich die verteuerten Lebensmittel weniger leisten und müssen beim Einkaufen am meisten verzichten. Es sind also, wie fast immer, die Ärmsten der Gesellschaft, die am meisten unterm politischen Machtspiel zu leiden haben.


Gesegnete Reise – mit Russen in der Kirche

Petersburg empfängt uns mit strömendem Regen und so wählen wir als erstes Ziel einen Besuch der Vladimirskij-Kirche, gegenüber unserem Hotel an der Metro-Station Dostojevskij. Der berühmte russische Dichter soll auch selbst oft in dieser Kirche gewesen sein. Die goldenen Kuppeln ihrer Zwiebeltürme sind allerdings zum größten Teil verhüllt, weil sie noch restauriert werden. Wie die meisten Kirchen in Russland ist auch die Wladimir-Kirche erst wieder seit wenigen Jahren in Betrieb. Unter Stalin wurde die Wladimir-Kirche in eine Schuhfabrik umgewandelt. Erst in den Neunziger Jahren wurde sie als Kirche wieder eröffnet, und da sie noch immer restauriert wird, ist derzeit nur ein Altarraum in der ersten Etage geöffnet.

Wir betreten ihn um etwa 18 Uhr und geraten so mitten in einen russisch-orthodoxen Gottesdienst. Der Altarraum ist rundum mit Ikonen verschiedener Heiliger ausgestattet. Es gibt die typische reich verzierte Altarwand, die den Besucherraum von einem Raum abtrennt, der nur den Priestern vorbehalten ist, und auf die Existenz einer höheren, nicht weltlichen Sphäre verweist. In einem geheimnisvollen Rhythmus treten abwechselnd zwei Priester aus diesem unsichtbaren Raum vor den Altar und singen Gebete. Ihnen wird von einem Chor geantwortet, der sich auf einem Balkon gegenüber des Altars befindet. Diese Gesänge sind unglaublich schön, volle und meist eher tiefe Töne erzeugen eine andächtige, feierliche Stimmung.
Währenddessen kommen und gehen die Gläubigen. Jeder vollzieht mit langsamer Andacht eine Runde durch den Kirchenraum, bleibt vor Ikonen stehen, bekreuzigt und verbeugt sich, küsst die Ikonen oder stimmt in das Gebet des Priesters ein. Alle sind so auf ihr eigenes Gebet konzentriert, dass es scheinbar auch niemanden stört, wenn wir wie angewurzelt an der Seite stehen und nur schauen und lauschen. Da ich sehe, dass alle Frauen ihr Haar bedeckt haben, ziehe ich die Kapuze meiner Regenjacke hoch, was offensichtlich akzeptiert wird.
Wir sind beeindruckt von der Hingabe der Kirchenbesucher. Das ist anders als in deutschen Kirchen, wo ja nicht individuell sondern eher in Reih und Glied gebetet wird. Hier in Russland kommt der Gläubige auch nicht zum Priester, um sich segnen zu lassen. An irgendeiner Stelle in der geheimnisvollen Abfolge dieses orthodoxen Gottesdienstes tritt ein Priester mit einer Weihrauchkanne aus dem unsichtbaren Raum. An einer langen Kette schwenkt er den Weihrauch rhythmisch vor sich her, wobei er an jedem Gast der Kirche stehenbleibt und ihn mit seinem Weihrauch und mit einem tiefen konzentrierten Blick aus seinen ernsten Augen beschenkt. Auch wir, obwohl wir, leicht ersichtlich, gar nicht am Bekreuzigen und Beten teilnehmen, werden von ihm gesegnet und verlassen schließlich, nach einer halben Stunde den Raum, in dem noch immer gesungen wird. Im Inneren ganz still kehren wir zurück zum lauten Straßenverkehr auf der Wladimirskaja-Straße.

Es ist fast unvermeidlich, sich nach diesem beeindruckenden Erlebnis an die leidliche Diskussion um die Damen von „Pussy Riot“ zu erinnern. K. sagt als erstes, was wir beide denken: „Wenn man sich vorstellt, wie es wäre, wenn da jetzt so eine Bande halbnackter Frauen einbrechen und herumbrüllen würde....“
Dass deutsche Medien sich so leidenschaftlich für diese Aktivistinnen einsetzen, können wir nicht verstehen.
Diese Riotistinnen haben ja in ihrem Gerichtsprozess auch den Vorwurf erhoben, Putins Russland nähere sich an die Verhältnisse aus der Stalin-Zeit.
Doch gerade Stalin ließ alle Kirchen schließen ließ und Christen brutal verfolgen, während unter Putin alle russischen Kirchen wieder an ihre Gemeinden zurückgegeben wurden. Die Entweihung russischer Kirchen ist für gläubige Russen also viel eher eine Erinnerung an die grauenhafte Herrschaft Stalins als die aktuelle Politik Putins.
Mag sein, dass das Strafmaß für die Skandal-Damen zu drastisch ausfiel, verstehen kann ich ihre entsetzlich geschmacklose Aktion jedenfalls nicht.


Ein heiliger Zar?

Am dritten Tag unserer Reise besuchen wir die Auferstehungskirche in der Nähe des Newski-Prospektes. Mit ihren bunten Zwiebeltürmen erinnert sie von außen an die Moskauer Basilius-Kathedrale, die auch als Vorbild diente. Gebaut wurde sie im Andenken an einen Zaren. Zar Alexander II. ist an dieser Stelle von Attentätern tödlich getroffen worden. Obwohl gerade er als großer Reformer galt, und u.a. die Leibeigenschaft in Russland abschaffte, was allerdings nicht nur gute Folgen hatte. Die freien Bauern strömten scharenweise in die Städte, ohne dort Arbeit zu finden.

Die Kirche zumindest wurde dem ermordeten Zaren zu Ehren errichtet. Auf den Ikonen innerhalb des Gebäudes wird der Lebens- und Leidensweg Christi dargestellt, wobei man in mehreren Ikonen eine Parallele zwischen dem biblischen Erlöser und dem ermordeten Zaren herstellte.
Wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung siegte aber schon die Oktoberrevolution und der neu erbaute prunkvolle Kirchenpalast wurde geschlossen und verfiel unter Stalin als Pferdestall.
Erst in den Siebziger Jahren ließ sich die Sowjet-Regierung herab, den Bau als kulturelles Erbe zu akzeptieren und begann gemächlich mit einer Renovierung der verfallenen Ruine, die erst nach 27 Jahren, 1997 abgeschlossen wurde. Auch wenn die Kirche nur Museum ist und keine Gottesdienste darin stattfinden, haben wir bei der Besichtigung wieder viele russische Gläubige gesehen, die sich ehrfürchtig vor den Ikonen verbeugten und bekreuzigten. Ein Devotionalienladen, der zu nicht ganz billigen Preisen Heiligenbildchen anbot, hatte laufend Kundschaft.

Ich fragte mich, ob so etwas in Europa möglich wäre, eine Kirche, in der ein weltlicher Herrscher praktisch mit Jesus Christus gleichgesetzt wird. Klar, es gibt den katholischen Papst, der als Stellvertreter Christi auf Erden bezeichnet wird, aber das alles Kirchen-intern, aber ein Zar, den man verehrt wie einen Heiligen?
Wenn wir da mit unseren Denk-Kategorien ankommen, käme natürlich sofort der Vorwurf der Vermischung zwischen weltlicher Macht und Kirche, die Linken würden „Rechtsruck“ schreien und von rechtskonservativem Populismus sprechen.
Auch wird in unserem Audioguide daran erinnert, dass schon Alexander II. gesagt haben soll, dass ein so großes Land wie Russland eine autokratische Führung brauche. „Ja klar“, schreit nun vermutlich jeder Putin-Kritiker, „so wird an jedem Ort das autokratische Führungsprinzip Putins propagiert!“
Aber lassen wir mal unsere eigenen Denk-Kategorien beiseite, so müssen wir fest stellen, dass die Russen ihre Geschichte in zaristische Herrschaftsepochen einteilen. Und da gibt es eben die guten und die schlechten Zaren.
In so einer Gedächtniskirche zu Ehren eines reformbereiten Zaren geht es vielleicht auch um Identität, um den Glauben an etwas Einheitliches, in einem Land, das sich über zwei Kontinente ausdehnt und dabei gerade mal doppelt so viele Einwohner hat wie Deutschland. Die Sehnsucht nach einer einheitlichen Identität scheint groß zu sein.
Und vielleicht geht es ja sogar um die Vorstellung, dass es „Erlöser“ nicht nur im Himmel gibt, sondern sie auch immer wieder hier direkt auf Erden wirksam sein könnten, was ja eigentlich gar kein so schlechter Gedanke ist.

Wir besuchen noch einige weitere Kirchen in Petersburg und überall sehen wir Menschen jeden Alters und offenbar auch aller Schichten, für die Beten und Religion normaler Teil ihres Alltages zu sein scheint. Das ist für die kurze Zeit, in der die russischen Kirchen wieder volle öffentliche Anerkennung und Gültigkeit besitzen, eigentlich erstaunlich. Uns wird zumindest deutlich, irgendwie sind die Russen ganz schön anders als wir.


Ein Essen beim Ukrainer und russische Seelen-Philosophie

Wir treffen Svetlana, eine Deutschlehrerin aus Petersburg und erzählen ihr von unserem Besuch in der Auferstehungskirche. Sie hört uns mit einem ständigen verschmitzten Lachen in den Augen zu. Svetlana ist zierlich und hat eine hohe, klare Stimme. Sie verbringt den größten Teil ihrer Freizeit in einem philosophischen Club und antwortet nicht direkt auf unsere Fragen, sondern schildert uns zunächst ihre Lebensphilosophie.
Für sie sei das Wesentliche, dass man alle Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und sie damit jedes Mal anders aussehen. Die Auferstehungskirche sei da ein schönes Beispiel. Als sie zu Sowjetzeiten in die Schule ging, waren die Attentäter von Zar Alexander die Vorboten der Revolution und wurden als Revolutionäre anerkannt und galten als Vorbild. In den Neunziger Jahren bezeichnete man sie als Attentäter und heute nennt man dieselben historischen Figuren in der Regel Terroristen.
Svetlana meint, dass gesellschaftlicher Stillstand immer dann entsteht, wenn sich eine Gesellschaft zu sehr auf eine Sichtweise fixiert. Fortschritt könne nur dann entstehen, wenn Menschen ihre individuelle Perspektive verlassen und bereit sind, die Dinge in ihrer unterschiedlichen Dimensionalität zu erkennen. Neben der ganz persönlichen Warte gibt es schließlich auch größere Zusammenhänge, ökologische oder evolutionäre oder eben auch spirituelle. Svetlana ist davon überzeugt, dass es Dimensionen gibt, die wir bisher noch gar nicht erfasst haben, von denen wir aber trotzdem irgendwie abhängig sind. Schließlich ist die kleine Erde Bestandteil eines Universums, von dessen Gesetzmäßigkeiten wir nur einen Bruchteil erforscht haben. Sie glaubt, dass es für Menschen lebensnotwendig ist, solche höheren Dimensionen wahrzunehmen, weil unsere Seele diesen Bezug zu etwas Größerem braucht. Ob Gottesdienste oder Philosophie, so etwas sei Nahrung für die Seele.

Bevor mir die Sache zu abstrakt wird, frage ich sie, wie sie denn zum Beispiel die Entwicklung vom Sowjetstaat zur heutigen russischen Gesellschaft sieht.
Sie findet, heute sei die Gesellschaft einfach nur anders als damals. Weder viel besser noch viel schlechter. Allerdings sei man jetzt mehr in Bewegung und der Weg zum heutigen Stand sei nicht einfach gewesen. Als Lehrerin bezeichnet sie die Generation derer, die in den 90er Jahren Kinder bzw. Jugendliche waren als „verlorene Generation“.
In den Neunzigern habe man den Jugendlichen alle Formen von Idealismus schlecht geredet. Die kommunistischen Ideale der Sowjetunion waren ebenso verpönt wie die traditionell religiösen Werte. Sie findet, dass Jugendliche eine Orientierung brauchen, die über ihre eigenen kurzfristigen Bedürfnisse hinausgeht, sonst verhungere ihre Seele.

In diesem Sinne begrüßt sie es, dass die Kirche jetzt wieder einen höheren Stellenwert hat. Nicht, weil sie selbst religiös wäre, aber es wäre eine Möglichkeit, die Seele zu nähren.
Dass sich der Führer der russisch-orthodoxen Kirche, der Metropolit, mit dem Papst in Kuba getroffen habe, ein Ereignis, von dem wir kaum Notiz genommen haben, war für viele Russen von größter Bedeutung. So hätten die Gläubigen in Russland noch stärker das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Svetlana selbst sagt, sie brauche keine Religion für ihre Seele. Sie ziehe es vor, sich gesellschaftlich zu engagieren, sozusagen an einer gemeinsamen größeren Sache mitzuwirken. Unter Putin sind Bürgerversammlungen in Mode gekommen. Dafür hat sich der Begriff der „Volksfront“ entwickelt. Unabhängig von einer Parteizugehörigkeit wird die Bevölkerung ermutigt, an Planungs- und Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Svetlana hat mehrfach Stadtentwicklungsforen besucht, wo über die Gestaltung und Organisation der neuen Wohnsiedlungen debattiert wurde. Die entstehen momentan überall und sollen endlich das Problem der Wohnungsnot beenden.

Außerdem erzählt uns Svetlana von Fernsehsendern, die direktes Bürgerfernsehen machen. Hier könne jeder, der etwas sagen oder zeigen möchte, das von allgemeinem Interesse sei, einen Beitrag anbieten. Sie weist uns auch auf viele Fernsehdebatten hin, wo aktuelle Themen kontrovers besprochen werden. In unserem Hotelfernseher sehen wir später eine Debatte zum Thema „Sollen wir Lenin endgültig beerdigen?“ Jeweils vier Männer vertreten eine Pro bzw. Contra – Seite und führen eine derart leidenschaftliche und heftige Debatte, dass der Moderator kaum durchkommt.
Eine Talkrunde bei Anne Will ist dagegen die reinste Schlafhypnose. Der zweite Unterschied ist allerdings, dass bei Anne Will mehr Frauen in der Runde sitzen.

Interessant ist für mich vor allem die Überzeugung Svetlanas, dass es auch ein Bedürfnis unserer Seele sei, Verantwortung für größere Zusammenhänge zu übernehmen. Je mehr ich meine Möglichkeiten nutze, auf die Gesellschaft einzuwirken, umso lebendiger bewege ich mich zwischen unterschiedlichen Perspektiven, in unterschiedlichen Dimensionen und das ist genau das, was unsere Seele braucht. Svetlana findet, dass die Kritiker und Protestgruppen, die es in Russland gibt, ihre Möglichkeiten, aktiv auf die Gesellschaft einzuwirken, viel zu wenig nutzen.

Wir essen übrigens in einem beliebten ukrainischen Restaurant. Von ethnischen Spannungen ist da überhaupt nichts zu spüren. Dass der Kellner uns zum Abschied unbedingt die ukrainischen Worte für „Vielen Dank“ und „Auf Wiedersehen“ beibringen möchte, ist höchstens unterhaltsam.


„Den Sanktionen sei Dank!“

Svetlana bedauert das Verhalten Deutschlands gegenüber Russland als Deutschlehrerin ganz besonders. Früher hat sie häufig deutsche Zeitungsartikel als Unterrichtsmaterial verwendet. Als sie während der Olympiade in Sotschi einen deutschen Artikel suchte, habe sie jedoch keinen einzigen gefunden, in dem keine Vorwürfe an Russland und den russischen Präsidenten enthalten waren.
„Nicht ein einziger neutraler Titel, in dem es nur um Sport ging!“, beklagt sie. „Das konnte ich meinen Schülern nicht anbieten.“
Inzwischen hat sie es aufgegeben, Artikel deutscher Medien in ihren Unterricht einzubeziehen.
Sie verweist auf die historischen Kooperationen zwischen Russland und Deutschland. Schon Katharina die Große, der man nachsagt, dass sie Bildung und Fortschritt nach Russland brachte, kam bekanntlich aus Schleswig-Holstein.
Deutsche und Russen könnten eine ideale Beziehung haben, die Deutschen hätten Willen und Zielstrebigkeit, die Russen dagegen Seele und Leidenschaft. Sie bedauert, dass sich die Menschen in Russland inzwischen immer mehr von Deutschland abwenden.
Früher sei ihre Schule mit dem Schwerpunkt Deutschunterricht bei Eltern hoch begehrt gewesen, inzwischen gäbe es immer mehr Eltern, die nachfragen, wann ihre Kinder Chinesisch lernen würden. Viele hätten Deutschland innerlich aufgegeben. Hier kursiert die Meinung, wir seien an die USA verloren.
Dieser Riss werde mit jedem Monat weiterer Sanktionen größer. Allerdings fange man inzwischen auch an, die Sanktionen positiv zu betrachten, erzählt uns Svetlana. Der Westen würde die Russen praktisch zwingen, eine eigene Wirtschaft aufzubauen. Anstatt wie bisher – vereinfacht gesagt - Gas gegen Technologie einzutauschen, würden nun neue russische Unternehmen entstehen, die Alternativen entwickeln. Und natürlich profitiere die russische Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie von ihren größeren Chancen auf dem Binnenmarkt.
Svetlana ist eine vorbildliche Vertreterin des positiven Denkens. Für sie ist die jetzige Situation für Russland eine große Herausforderung, die Russland die Chance gibt, sich weiter zu entwickeln und die eigenen Ressourcen zu stärken. Sie meint, man könne dem Westen dankbar sein, dass er die Russen zwinge, sich unabhängig von ihm zu machen.

Nach dem Essen beim Ukrainer zeigt uns Svetlana noch „ihr Petersburg“, dazu gehört die deutsche Kirche am Newski-Prospekt, in deren Nähe sie immer gewohnt hat. Auf dem Weg weist sie uns auf einen alten Lautsprecher hin, der an einer Mauer angebracht ist. „Das ist eine Erinnerung an die Zeit der Blockade“, erklärt sie. „Hier ertönte alle paar Minuten eine Melodie, die den Petersburgern signalisierte, Petersburg lebt noch, die Stadt ist nicht gefallen.“
Ihre Großmutter hat die Blockade selbst miterlebt, ihre Mutter war noch ein kleines Kind und konnte glücklicherweise evakuiert werden.
Wir fragen Svetlana, wie es geht, dass sie sich für die deutsche Sprache begeistert, obwohl ihre Mutter und Großmutter so unter der deutschen Wehrmacht leiden musste.
Sie antwortet: „So denken wir hier nicht. Wir machen nicht ein ganzes Volk für solche Dinge verantwortlich. Die Belagerer waren Faschisten. Faschisten gibt es überall. Wie die Leute jetzt in Kiew zum Beispiel. Aber die haben nichts mit dem übrigen Volk zu tun.“


Deutschland – eine unglückliche Liebe

Die Liebe der Russen zu deutschen Menschen oder der deutschen Kultur ist noch nicht völlig verloschen, und manchmal sogar fast beschämend für uns.
Im Bordmagazin im Flugzeug las ich zum Beispiel von einer Film-Komödie „Zhenikh“, die 2016 hier in Russland in die Kinos gekommen ist. Sie erzählt von einem deutsch-russischen Liebesverhältnis, das am Nationalfeiertag, dem 9. Mai mit allerlei Differenzen klar kommen muss.
Mich würde dieser Film sehr interessieren, doch deutsche Filmverleiher zeigen den Russen die kalte Schulter. Kein Interesse? Oder verbieten die Sanktionen sogar den deutsch-russischen Kulturaustausch? Ich weiß es nicht.
Gibt es überhaupt irgendwo in Deutschland Menschen, die sich für russische Filme interessieren? Abgesehen natürlich von Exil-Russen und den wenigen verstreuten Tarkovski-Fans.
Umgekehrt ist das Interesse für deutsche Filme in Russland offensichtlich keine Seltenheit. In einem kleinen vollgepackten Musikladen hängt an einem einzigen freien Wandplätzchen ein Foto von Til Schweiger, und die Verkäuferin erklärt mir kenntnisreich, welche Phasen von Schweigers Produktionskarriere sie besonders mag und welche gar nicht. Sie weiß viel mehr über Schweiger als ich und ich kann nur staunend zuhören.

Auch die deutsch-sowjetische Freundschaft mit der DDR ist in Petersburg noch nicht vergessen. Zumindest erinnert ein kleines Kultrestaurant namens GDR (die russische Bezeichnung für DDR) an den verordneten Bruderbund im sozialistischen Lager. Wobei man aus Hammer, Zirkel und Ährenkranz im DDR-Emblem, Messer, Gabel und Bockwurst gemacht hat. Wir kehren ein, um Soljanka zu essen und sehen uns von einigen wenigen sächsisch sprechenden Besuchern umgeben. Die Speisekarte ist mit Parolen verziert, die wir aus frühester Kindheit kennen. „Proletarier aller Länder vereinigt euch“.
Das Restaurant ist eigentlich nur eine überdeckte Terrasse mit Heizsonnen, es wirkt, wie ein letztes Provisorium, das auf seine endgültige Beseitigung wartet.

Auf einer Parkbank vor dem Admiralitätspalast setzt sich ein alter Herr zu uns.
Er hat gesehen, wie wir einen Stadtplan entfaltet haben und spricht uns auf Deutsch an. „Wo wollen Sie hin? Ich wohne hier und kann Ihnen helfen.“
Ich blicke in ein braunes, fast ledernes, faltiges Gesicht, in dem auf einer Warze drei störrische weiße Haare sprießen. Der lachende Mund umrahmt lückenhafte Zahnreihen. Der Mann, den ich auf etwa Siebzig schätze, bietet uns eine Stadtführung für 500 Rubel an, umgerechnet zwischen sieben und acht Euro. Er trägt einen braunen Anzug, der vor zwanzig Jahren sicher einmal sehr gut aussah und an Armen und Beinen zu kurz ist. Unter seinem Arm entdecke ich eine abgeschabte lederne Aktentasche, aus der Folien hervorlugen, in denen sich Maschine-getippte Seiten befinden. Ich lese ein paar Worte und werde sofort neugierig. Es sind deutsche Worte, die zu einer sehr schönen Formulierung gehören.
„Was ist das?“, frage ich neugierig.
Sein Lachen wird noch ein bisschen verrückter: „Das habe ich geschrieben“, erklärt er laut und aufgeregt. „Das sind Geschichten auf Deutsch.“
Wir stellen einander vor. Er heißt Gabudat und erklärt uns, dass er die deutsche Sprache liebt und seit vielen Jahren solche Geschichten schreibt. Ich frage ihn, ob wir etwas lesen dürfen.
Zögernd rückt er zwei seiner Geschichten heraus. Während K. und ich lesen, lacht Gabudat immer wieder aufgeregt und ruft: „Jetzt lesen sie einfach meine Geschichten. Ich zeige sie Ihnen einfach so“, als ob er es selbst kaum glauben könnte.
Die Geschichte, die ich lese hat keine spektakuläre Handlung. Ein kleiner Junge, der von seiner bösen Stiefmutter schlecht behandelt wird, verdirbt ihr heimlich die Suppe. Die Sprache von Gabudat ist jedoch voller Bilder und schöner Formulierungen. Etwa: „Auf dem Lichtstrahl, der durch den Türspalt fiel, fand er den Weg in den Flur.“
„Woher haben Sie gelernt, so schön zu schreiben?“, frage ich. „Waren Sie mal in Deutschland?“
„Nein, niemals“, sagt Gabudat und lacht, und es ist offensichtlich, dass er sich eine solche Reise wohl niemals hätte leisten können.
Sein letzter Beruf war Straßenkehrer, wovon auch die zweite Geschichte handelt, die davon erzählt, wie er diesen letzten Job verlor, weil er zu alt für die schwere Arbeit geworden war.
„Haben Sie deutsche Verwandte?“, frage ich und wieder lacht Gabudat und ruft. „Nein!“
„Aber warum schreiben Sie Ihre Geschichten auf Deutsch?“
„Einfach so. Einfach so.“
Nach mehrfachem Nachfragen erfahre ich zumindest, dass er in Kasachstan groß geworden ist, wo es ja bekanntlich viele Deutsche gibt oder gab, wobei Gabudat vermutlich nicht dazu gehörte, seine Gesichtszüge sind eher asiatisch.

Er sei mit 18 nach Petersburg zur Armee gekommen und dann hier geblieben. Zu Sowjetzeiten habe er Philosophie studiert, aber dann keine Lust auf Marxismus-Leninismus gehabt, und mit Hegel und Kant konnte man in der Sowjetunion nichts werden.
Er habe viel gearbeitet in seinem Leben, einfache, körperliche Arbeiten, aber in seiner Freizeit hat er ein Leben als deutschsprachiger Dichter geführt.
Natürlich ist sein Traum, einmal in Deutschland veröffentlicht zu werden. Ich merke schnell, dass er Hoffnungen in mich setzt. Aber kein deutscher Verlag oder auch nur eine Zeitung wird sich für die deutsch-sprachigen Geschichten eines russischen Rentners interessieren, zumal sie „nicht einmal“ Kritik an der russischen Führung enthalten. Ich erkläre ihm vorsichtig, dass es momentan auch für deutsche Autoren extrem schwer sei, einen Verlag zu finden. Da er von einem fünfzehnjährigen Sohn erzählt hat, rate ich ihm, seine Texte im Internet zu veröffentlichen und hoffe, so die größte Enttäuschung abwenden zu können. Schließlich nehmen wir noch an einer sogenannten Stadtführung teil, um Gabudats Rente aufzubessern. Er verweist uns auf Dinge, die man auch ohne Führung erkennen würde. Ich will die Zeit lieber nutzen, um ihn nach seiner Einschätzung des heutigen Russlands zu fragen. Rentnern sei es in der Sowjetunion ein wenig besser gegangen als heute, erfahre ich von ihm. Und Putin, was halte er von dem? Gabudat schweigt eine Weile und sieht mich mit seinem ewig lachenden Mund an, als überlege er, wie viel er einer Fremden wie mir von seinen Gedanken mitteilen will.
Schließlich sagt er: „Putin ist mein Bruder“, was wohl so viel heißen soll, wie: Er ist einer von uns.
Wir beenden die Führung eine halbe Stunde vor Ablauf der ausgemachten Zeit. Gabudat ist sichtlich froh, dass er schon „Feierabend“ machen kann und etwas verdient hat, und verlässt uns mit einem letzten Winken.
Jetzt im Herbst, wenn es kalt wird und keine Touristen mehr kommen, will er sein Selbststudium in Deutsch wieder aufnehmen. Er habe in letzter Zeit schon wieder so viel vergessen, das müsse er unbedingt wieder auffrischen, hat er uns vor dem Abschied erklärt.
Ich möchte gern wissen, ob es irgendwo in Deutschland einen verrückten deutschen Rentner gibt, der seinen Lebensabend damit verbringt, sein Russisch zu perfektionieren um poetische Kurzgeschichten auf Russisch zu schreiben.
Wohl kaum.
Und Menschen wie Gabudat leiden unter unseren Sanktionen. Oh, Mann.


Bei Russlands Dichtern

Wenigstens die russische Literatur hat ja ihren Einzug beim deutschen Bildungsbürgertum geschafft. Dostojewski, Anna Achmatowa und Vladimir Nabokov stehen auch in meinem Bücherschrank. In Petersburg besuchen wir die Wohn- und Geburtshäuser dieser Dichter, die alle drei sehr sorgfältig eingerichtet und teils mit den unverzichtbaren „Audioguides“ ausgestattet sind, deren Automatenstimme weniger Zahlen und Fakten runterrattern, als Episoden und Geschichten erzählen.
Bei Dostojewski fällt uns auf, dass man die dunklen Seiten seines Lebens verschweigt oder nur sehr am Rande erwähnt, sein Aufenthalt im Straflager, seine Spielsucht spielen in seinem Museum keine Rolle, dafür wird die große Verehrung für den russischen Klassiker deutlich. Svetlana würde vielleicht sagen, dass man auch hier mehr auf die „Nahrung für die Seele“ geachtet hat als das Düstere hervor zu heben.
Mir gefällt vor allem, dass man Dostojewski häufig im Original zitiert und damit selber sprechen lässt. So gibt es etwa eine Betrachtung über das Lachen, in der Dostojewski feststellt, dass Lachen für ihn nur dann von Wert ist, wenn es wirklich ehrlich und von Herzen käme. Er selbst soll wenig und wenn, dann aber aus ganzer Seele gelacht haben, behauptet die Stimme in meinem „Audioguide“.
Ich denke mir, vielleicht ist das ja eine Erklärung, warum Russen bei alltäglichen Verrichtungen sehr selten lächeln. Vielleicht haben sie einfach alle Dostojewski in der Schule gelesen und verzichten gleich auf falsche und gespielte Mimik.
Allerdings haben wir auch sehr viele lustige Begegnungen in Petersburg. Meist genügt schon eine typische Charme-Offensive von K., um zumindest Kellnerinnen zum Lachen zu bringen, und auch unsere ernsthaften Bemühungen, Russisch zu sprechen, werden oft mit wohlwollend-nachsichtigem Lächeln bedacht.

Nach dem Besuch bei Dostojewski gehen wir zur Wohnung von Anna Achmatowa. Hier ist weniger „Nahrung für die Seele“ zu finden. Bereits im Treppenhaus weist uns der Audioguide auf ein Alltagsdetail aus stalinistischen Zeiten hin – das Minifenster im Badezimmer, durch das man ins Treppenhaus schielen konnte. Dahinter standen die Kinder Schmiere, wenn in der Wohnung „verbotene“ Dinge im Gang waren.
Das Museum vermittelt ziemlich schonungslos die düstere Zeit des Stalin-Regimes. Als Intellektuelle mit teils adeligem Hintergrund wurden Achmatowa und ihr Lebensgefährte, der Kunstwissenschaftler Punin dauerhaft bespitzelt. Mit der Herrschaft der Bolschewikis wurde die Wohnung in eine Komunalka umgewandelt. Die Sowjets teilten den Bewohnern einer Stadt ein Höchstmaß an Wohnraum zu, so dass Achmatowa und Punin in ihre Wohnung weitere Bewohner aufnehmen mussten, die auch gemeinsam mit ihnen die Küche zum Kochen und Waschen benutzten. Unklar war schon, inwieweit die Mitbewohner in die Bespitzelung von Punin und Achmatowa verwickelt waren. Punin wurde einmal wegen eines Witzes verhaftet, der absichtlich falsch interpretiert wurde, die Beziehung der beiden zerbrach an solchen Umständen, doch blieb Achmatowa in einem Zimmer dieser Wohnung, da vermutlich alle anderen Alternativen noch wesentlich furchtbarer für sie gewesen wären. Ihr Sohn wurde mehrfach wegen politischer Verdächtigungen verhaftet und im zweiten Weltkrieg direkt aus dem Gulag an die Front geschickt, wo er schließlich starb.
Es ist nicht zu verstehen, warum eine Dichterin, der es viel weniger um Politik und viel mehr um Poesie ging, so derart gesinnungspolizeilich verfolgt und gedemütigt wurde. Ihre Gedichte wurden verboten. Sie fand mit Freunden die verrücktesten Tricks, um sie aus ihrer Wohnung schmuggeln zu lassen. Da sie wusste, dass sie abgehört wurde und dass ihre Besucher in eine Taschenkontrolle kommen konnten, sprach sie mit einem Freund laut hörbar über belanglose Dinge, während sie ihm ihre neuesten Poeme vorlegte, die dieser dann während der Unterhaltung auswendig lernte.

Die Familie hat solche Entwicklungen vorausgesehen, und musste als adelige Gutsbesitzerfamilie ohnehin vor den Bolschewiken ins Ausland fliehen.
Dass die sogenannte proletarische Revolution Großgrundbesitzer und Kapitalisten verjagt und umgebracht hat, haben K. und ich schon in der Schule gelernt.
Im Achmatowa-Museum sind wir dennoch ziemlich ratlos.
Warum hat Stalin die russischen Intellektuellen und Künstler so gnadenlos bespitzelt, verfolgt, getötet? Wir finden keine eindeutige Antwort darauf. Vielleicht war es die Tatsache, dass die kritische Masse einer Bevölkerung immer von jenen verkörpert wird, die ein bisschen mehr denken und fühlen als ihre Mitmenschen. Dass Künstler und Wissenschaftler allein aufgrund ihrer Intelligenz eine Gefahr für die uneingeschränkte Macht Stalins waren. Eine Macht, die im Grunde auf der Schreckens- und Gewaltherrschaft eines Wahnsinnigen beruhte.
Parallelen zu Hitler drängen sich auf, die ebenso hirnverbrannte Verfolgung aller Juden und Kommunisten zur selben Zeit. Und diese Zeiten sind Gott sei Dank in beiden Gesellschaften, der deutschen und der russischen vorbei. Die ständigen Warnungen in Deutschland, man müsse verhüten, dass sich die Geschichte wiederhole, kommen mir aus der Entfernung hier in Russland noch abstruser vor. Wir leben in einer völlig anderen Medienlandschaft. Egal ob Gestapo oder KGB, solche Massenverbrechen im Geheimen sind im Zeitalter von Iphone und Internet einfach nicht mehr durchführbar.


Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit

Die versuchten Vergleiche zwischen Putin und Stalin, die unsere Medien zuzeiten bemühen, erscheinen uns im Museum von Anna Achmatowa ein weiteres Mal völlig verfehlt. Eine Gesellschaft, in der die eine oder andere politische Ansicht tendenziell unterdrückt wird, lässt sich nicht mit den brutalen Säuberungsaktionen unter Hitler und Stalin vergleichen. Wenn unsere Medien immer wieder versuchen, das Schreckensbild der Stalin-Ära mit Putins Politik zu vermischen, arbeiten sie meiner Meinung nach äußerst unsauber. Sie vermengen vergangene historische Tatsachen mit heutigen überzogenen Vorwürfen und mixen daraus einen möglichst üblen Feindbild-Brei.
Das Achmatowa-Museum beweist bestens, dass sich die moderne russische Gesellschaft sehr wohl bemüht, die Stalin-Ära und auch die ideologisch bornierte Sowjet-Zeit aufzuarbeiten.
Dazu gibt es, wie bereits erwähnt, viele lebendig geführte Fernsehdebatten. Später besuchen wir noch das politisch-historische Museum von Petersburg. Hier werden in einer sehr ausführlichen Ausstellung sämtliche Verbrechen Stalins und seiner Schergen dokumentiert. So schonungslos, dass wir uns manchmal fragen, ob der Kurator aus den USA kam. Kam er nicht, wie wir vom Personal erfahren, aber nicht einmal die Verbrechen der Nazis während der Stalin-Zeit werden in dieser Ausstellung erwähnt. In mehreren Schauräumen wird das furchtbare Leid der russischen Menschen unter den wiederholten „Säuberungsaktionen“ dokumentiert. Der massenhafte Mord an Christen, Künstlern, Intellektuellen, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Militärs. Das Ausspionieren eines Jeden, die Überprüfung der politischen Biografie bis in die kleinsten Verdachtsmomente hinein, die Zwangszuweisungen in Kommunalkas, Rationierung von Lebensmitteln und auf der anderen Seite kommunistische Propaganda und sowjetischer Heldenkult. Das einzig Positive, das in dieser Ausstellung bleibt, ist die Chancengleichheit. Jeder musste arbeiten, und jeder hatte die Möglichkeit, sich durch hohe Arbeitsleistungen Privilegien zu verschaffen. Wobei das System der gegenseitigen Denunzierung immer und für jeden eine Gefahr darstellte.
Einem linken Aktivisten aus Deutschland würden hier in diesem Museum in Petersburg die letzten Illusionen geraubt, wenn er denn noch welche über die ersten Jahrzehnte des sowjetischen Kommunismus haben sollte.
Doch wird in diesem Museum auch deutlich, dass das alles Vergangenheit ist.
Es gibt höchstens Ansätze von Parallelen zur heutigen Gegenwart. Die entdecken wir aber vor allem in unserem eigenen Erfahrungshintergrund.
Dass man einen Menschen bloß aufgrund der Tatsache verurteilt, dass er in seinem Leben einmal ein Gespräch mit einem fraglichen Gesinnungsvertreter hatte, kenne ich aus den öffentlichen Biografie-Prangern von Wikipedia und leidlichen Diskussionen innerhalb der deutschen Friedensbewegung.
Die Einrichtung von Kommunalkas durch die Begrenzung des persönlichen Wohnbedarfs – entsteht das nicht mittelbar in unserer Gesellschaft durch die unglaublich überhöhten Mietpreise, die immer mehr Menschen, besonders die Jüngeren, zu ungewollten Wohngemeinschaften zwingen? Und gibt es nicht Fälle von Hartz-IV-Sanktionen, wo den Empfängern untersagt wird, auf mehr als vierzig Quadratmetern zu leben? Da meint man schon einen leichten Hauch aus Stalin-Zeiten zu spüren. Wie gesagt, nur einen leichten.
Mieten in Russland sind im Vergleich zu unseren übrigens extrem billig und betragen oft unter einem Zehntel des Monatseinkommens. Warum sind sie dann bei uns eigentlich so wahnsinnig teuer?

Abgesehen von gewagten Vergleichen mit der heutigen Diktatur des Geldes und des mainstreams stehen wir ziemlich erschüttert vor diesem Sammelsurium des Grauens. Man schätzt, dass über acht Millionen Menschen den Stalinschen Säuberungen zum Opfer fielen. Während wir so fassungslos dastehen, spricht uns ein Russe auf Englisch an und fragt, ob er uns etwas erklären soll. Als er mitbekommt, dass wir aus Deutschland sind, wird er ganz redselig.
„Die anderen können es sich alle ganz einfach machen“, beklagt er sich. „Polen, Litauen, Esten, Ukrainer, die können immer alle sagen, die bösen Russen sind gekommen, unter Stalin mussten wir leiden, der war Schuld an allem. Wir Russen können das nicht. Wir müssen uns mit unserer Geschichte auseinander setzen. Und da begreift man sehr schnell, dass es viele Leute gegeben haben muss, die in diesem System mitgemacht haben. Und das muss in Lettland oder Estland auch so gewesen sein. Auch da müssen Leute ihre Nachbarn denunziert haben, sonst hätte es dort kaum Säuberungen gegeben. Auch wenn die heute alle sagen, die bösen Russen waren es. Aber so einfach ist das nicht!“

Eigentlich teilt unsere Generation hier in Deutschland mit den Russen ein ähnliches Schicksal. So wie es uns ein Grauen ist, anderswo als Kinder und Enkel der deutschen Nazis betrachtet zu werden, haben russische Menschen vermutlich häufig das Los, das man in ihnen ständig die Nachfahren Stalins sieht. Wir Deutsche sollten eigentlich am besten wissen, wie unangenehm solche Kurzschlüsse sind.

Wer einen ernsthaften Blick in die russische Gesellschaft wirft, also z.B. in solche Museen oder thematische Fernsehsendungen, kann sich also davon überzeugen, dass die russische Gesellschaft sich sehr aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinander setzt. Dazu gehört nicht nur die Aufarbeitung der Stalin-Zeit, sondern auch eine kritische Betrachtung der letzten Jahrzehnte Sowjetherrschaft.
Wer sich allerdings nur Souvenirstände anschaut, kann einen völlig falschen Eindruck bekommen. In Petersburg kann man bis heute Kaffeetassen, Anstecknadeln oder Matrjoschkas mit dem Konterfei von Stalin kaufen.
Warum die verkauft werden, weiß ich nicht. Ist es eine bestimmte Art von russischem Humor, den ich bis heute nicht verstanden habe? Oder ist es einfach nur die Erfahrung, dass sich diese Dinge gut verkaufen, möglicherweise sogar an westliche Touristen, die damit ihre Vorurteile vom Russen bestätigt sehen, ihm aber wenigstens Geld dafür zahlen? Wir haben es nicht herausgefunden.

Mir wird in dieser Auseinandersetzung vor allem deutlich, dass es in Russland über siebzig Jahre lang einen harten Kampf um das Thema Privateigentum gab. Nach Lenins Revolution wurde sämtliches Privateigentum verboten und das Land lag binnen weniger Jahre völlig am Boden. Notgedrungen musste Privatwirtschaft wieder zugelassen werden, aber jeder der wirtschaftliche Verantwortung übernahm, ob als Privatwirtschaftler oder Leiter eines staatlichen Betriebes stand schon wieder unter dem Risiko, den Zorn der Kommunisten auf sich zu ziehen.

Im obersten Geschoss des politisch-historischen Museums wurde dann auch das Chaos dokumentiert, das im postsowjetischen Russland ausbrach, als man die staatlichen Strukturen einfach auflöste. Man bekam einen deutlichen Eindruck davon, dass es in diesen Zeiten wohl keinen schlimmeren Posten gegeben hat, als den, russischer Präsident zu sein. Es ist jedenfalls niemand bekannt, der große Lust darauf gehabt hätte, Jelzins Nachfolger zu werden. Der einstige KGB-Mann Putin war vermutlich der einzige, der dazu überhaupt bereit war. Dass Jelzin ihn als Nachfolger vorgeschlagen hat, quittiert man heute mit der Redensart: Putin ist Jelzins Entschuldigung an das russische Volk.
Erst seit Beginn der Putin-Ära hat ein neuer Stabilisierungsprozess in Russland begonnen. Dass der Westen ausgerechnet in dieser Entwicklungsphase mit seinen Sanktionen ankommt, erscheint uns immer mehr als kompletter Blödsinn.

Sicher gibt es in der russischen Gesellschaft einiges, was Leuten im Westen nicht gefallen würde. Das ist für mich aber kein Grund, gleich pauschal alle Russen zu bestrafen.


Alltäglich Besonderes

Die Russen sind anders als wir. Die russische Gesellschaft sowieso. Hier nur ein paar kleine Beobachtungen und Informationen, die wir auf unserer Reise gesammelt haben.

Überall Personal
Anders als im vollautomatisierten Deutschland gibt es in Russland zahlreiche menschliche Angestellte. Anstelle von Überwachungskameras (oder vielleicht auch zusätzlich zu ihnen) stehen in Geschäften oder Museen überall Angestellte herum, die gleichzeitig Aufpasser und Ratgeber sind. Unter ihren Augen traut sich niemand zu stehlen, man kann sie aber auch gleichzeitig nach allem Möglichen fragen.
Besonders markant sind solche aufpassenden Auskenner in allen Metrostationen. Am Fuße einer jeden Rolltreppe sitzt in einer Kabine eine Person vor einem Mikrofon. Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass sich die Fahrgäste an die Regel „rechts stehen - links gehen“ halten, und mahnt entsprechende Delinquenten bei Zuwiderhandlung übers Mikrofon. Man kann diese Aufpasser aber auch nach der besten U-Bahn-Verbindung fragen.
In Petersburg spart man offenbar auch nicht an Straßenkehrern, die man häufig sieht. Uns kam es dort auch deutlich sauberer vor als in Hamburg.

Die Koexistenz von Automat und Mensch
Besonders im öffentlichen Verkehr existieren elektronische, automatisierte und traditionelle Zahlweisen nebeneinander. So kann man sich als Ahnungsloser in der U-Bahn einfach an einem Schalter einen Metall-Chip kaufen, um durch die Schranke zu kommen, man kann am Automaten ein Ticket ziehen oder mit einer elektronischen Zahlkarte einchecken.
Auch in Bussen existieren meistens zwei Formen gleichzeitig. Entweder man besitzt bereits ein Ticket, dass man elektronisch oder auch mit einem altertümlichen Eisenlocher selbst entwerten kann oder geht einfach zur Schaffnerin, die im Bus sitzt und kauft sich ein Ticket bei ihr.
Alte Menschen oder ausländische Touristen, die am Hamburger Hauptbahnhof vorm Ticket-Automaten stehen, können von solchen Verhältnissen nur träumen.
Besonders exotisch wird es, wenn man in einen „Marschrutni“ einsteigt, bei dem es überhaupt keine Tickets gibt, dafür aber ein Schild, das darum bittet, das Fahrgeld beim Fahrer abzugeben. Ist ein „Marschrutni“, ein Kleinbus mit etwa fünfzehn Sitzen, voll besetzt, lassen die hinteren Fahrgäste ihr Geld durch die anderen Gäste nach vorne zum Fahrer reichen. Auf diese Weise kommt dann auch eventuelles Wechselgeld zu ihnen zurück. Schwarzfahren ist in diesem System unmöglich. Die Fahrpreise sind verglichen mit unseren winzig.

Schulkleidung
Russland gehört zu den Ländern, die noch eine Kleiderordnung für die Schule haben. Wir erleben den ersten September mit, den ersten Schultag, und sehen auf den Straßen plötzlich Jungen und Mädchen in schwarzen Hosen oder Röcken und weißen Hemden oder Blusen. Allerdings entdeckt man einige interessante individuelle Variationen, von „gerade mal so eingehalten“ bis zu „hoch geschniegelt und mit schwarzer Fliege am Hemdkragen“. Zumindest der Wettbewerb um die teuerste Markenklamotte der Klasse bleibt russischen Schülern erspart.

Gegenseitige Zurechtweisungen
Wenn man irgendwas nicht richtig macht, wird man in Russland ziemlich schnell darauf hingewiesen. So gibt es in der Metro ein Fußgängerleitsystem für ankommende Fahrgäste und solche, die die Metro verlassen. Gerät man in einen falschen Tunnel wird man sofort von jemandem angehalten, der einem den richtigen Weg weist. Zu große Rucksäcke, die andere Fahrgäste im Bus stören könnten (besonders Kinder!), offene Taschen, aus denen man leicht etwas klauen könnte – immer ist sofort jemand da, der einen darauf hinweist.
Anders herum stelle ich später fest, dass es relativ einfach ist, jemandem zu sagen, er möge seine Musik bitte nicht so laut stellen oder Ähnliches. Solche Bitten werden in der Regel höflich akzeptiert und erfüllt.
Als ich Svetlana davon berichte, stimmt sie mir lachend zu. Nicht umsonst habe die Sowjet-Union so geheißen. Mit den Sowjets waren zwar die Soldaten- und Arbeiter-Räte gemeint, aber Sowjet heißt auch einfach nur „der Rat“, und die Russen seien schon immer ein Volk der eifrigen Ratgeber gewesen.
Sie findet diese Direktheit auch gut. In Deutschland, wo sie einige Monate während eines Lehrer-Austausches war, seien ihr die Menschen viel zu kompliziert vorgekommen. Sie hätten Kritik viel zu sehr unterdrückt oder indirekt geäußert. Da baue sich viel zu viel Druck in der Seele auf, befürchtet sie.
Man kann dieses ständige gegenseitige Aufpassen mögen oder davon genervt sein, einen Vorteil hat es auf jeden Fall: Wir haben uns in Russland immer sehr sicher gefühlt. Ich kann mir jedenfalls schlecht vorstellen, dass ein Taschendieb bei so vielen Aufpassern eine Chance haben kann.


Drängeln oder Schlange
Wenn die Russen keine Ordnung vorfinden, werden sie schnell verdammt egoistisch. Nähert sich z.B. ein Marschrutni, bei dem absehbar ist, dass er zu klein für die wartende Menge ist, geht ein heftiges Gedrängel los. Andererseits: Hält eine solche Situation länger an oder wiederholt sich, dann bildet man auch eine Schlange, und dann gilt: Wehe dem, der versucht, sich vorzudrängeln!

Nach den ersten fünf Tagen, die wir in St. Petersburg verbracht haben, fahren wir nun, einigermaßen an die russische Gesellschaft gewöhnt, auf die Krim.


Ankunft auf der Krim

Am Freitag, dem 2. September 2016, brechen wir morgens um 5,30 Uhr mit dem Taxi zum Flughafen auf, jetzt geht’s auf die Krim. Das Boarding verläuft pünktlich und reibungslos, inmitten von russischen Familien mit kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kindern, holen wir wie die meisten Schlaf nach.
Wir glauben uns schon fast angekommen, als der Kapitän uns mitteilt, er müsse noch auf die Landeerlaubnis warten. Ich meine die Worte „militärische Gründe“ zu verstehen. Das Flugzeug zieht einen Kreis nach dem anderen über der Insellandschaft. Ich sitze am Fenster, schaue nach unten und sehe plötzlich drei schwarze Düsenjäger über den Boden sausen. Mit schweißnassen Fingern greife ich nach K’s Hand. Der hat – wie immer! – beruhigende Einwände. Erstens stand im Reiseführer, dass der Flughafen Simferopol chronisch überlastet ist, und zweitens sei es doch keine große Überraschung, dass das russische Militär, das auf der Krim einen Luftwaffenstützpunkt hat, jetzt ab und zu Übungen abhalte. Schließlich haben wir auch kurz zuvor in einer ukrainischen Schwarzmeerbucht eine ganze Flotte von Fregatten von oben gesehen.
Die üblichen Drohgebärden, K. winkt ab, diesbezüglich hat er ein geradezu russisches Bärengemüt.
Schließlich landen wir sicher am Boden und in Simferopol erwartet uns touristischer Alltag. Wir müssen mehrere hartnäckige private Taxi-Unternehmer abwimmeln, um uns zum Trolleybus durchzuschlagen, der uns zum Zentrum bringt. Wir wollen nach Jevpaterija, die Beschreibungen im Reiseführer hörten sich verlockend an und von Simferopol soll ein Zug dorthin fahren. Auf der Fahrt fängt ein alter Mann an zu schimpfen, ich verstehe so etwas wie „diese Bande aus Kiew“. Er ist wirklich sehr wütend, wird aber schnell von anderen Fahrgästen beschwichtigt, hier nicht so einen Lärm zu machen.
Kaum sind wir am Bahnhof in Simferopol ausgestiegen, erwartet uns ein Jahrmarkt der privaten Busfahrer, die uns alle in ihren Marschrutni kobern wollen.
Stur unseren Plan verfolgend gehen wir in sengender Hitze hinüber zu einem traumhaft schönen, aber gähnend leeren riesigen Bahnhof. Wir finden drei Beamte, die hinter einem Info-Schalter sitzen. Wir fragen sie, wann der nächste Zug nach Jevpaterija fährt. Sie sehen uns müde an. Englisch sprechen sie nicht, und mein Russisch können oder wollen sie nicht verstehen. Ich probiere es nochmal mit Händen und Füßen und schließlich erklären sie uns schulterzuckend, dass der nächste Zug nach Jevpaterija morgen fährt. Ob sie wüssten, ob es dort freie Hotelplätze gibt, frage ich. Sie heben zu dritt ihre Augenbrauen und schütteln nacheinander die Köpfe. Verunsichert lassen wir von unserem jevpatorischen Plan ab und kehren zurück ins eifrige Getümmel des freien Busfahrer-Marktes.
Dort gibt es irgendwelche Schalter, die irgendwelche Tickets verkaufen, an denen sich Leute nach einem undurchschaubaren System anstellen. Zum Glück erwischen wir einen Marschrutni, der uns ohne Ticket für 150 Rubel mitnimmt, wahrscheinlich ein kleines Schwarzgeschäft. Dankbar steigen wir ein und setzen uns auf die letzten freien Plätze. Nun geht es nach Jalta.
Auf dem Weg dorthin sehen wir riesige Plakate, auf denen Politiker ihre Versprechen verkünden. Es ist Wahlkampf für die Duma-Wahlen. Auch Putin ist vertreten, ich entziffere den Anfang seiner Botschaft: „Die Krim ist nicht nur Tourismus, sondern…“ weiter komme ich nicht, aber man kann sich denken, was er meint. Abgewrackte leerstehende Betriebsgebäude und zerfallene Häuser dokumentieren viele armselige Jahre. Diese Region braucht definitiv eine Sturkturförderung. Die Straße auf der wir fahren, sieht schon ziemlich neu aus, und im Umfeld von Jalta wimmelt es von Baustellen und gerade fertig gestellten Hochhäusern.

Kaum sind wir ausgestiegen, steht Julia vor uns, eine junge Frau in kurzen Jeans und einer weißen Bluse, sehr schlank, sehr lebendig, mit gutem Englisch. Sie öffnet ihren Kofferraum für unsere Rucksäcke und fährt uns zu Unterkünften in verschiedenen Preislagen. Ein Traum für jeden Rucksack-Touristen, der nichts vorgebucht hat.
Julia lebt hauptsächlich von den Provisionen ihrer Zimmervermittlung, ein schlechtes Geschäft kann das nicht sein. Sie selbst hat ein luxuriöses Apartment in einem neuen Hochhaus, direkt neben dem Rynok, der Markthalle, das sie uns anbietet, das uns aber eigentlich schon zu vornehm ist. Für die Besichtigung müssen wir auf die Concierge warten, die den Schlüssel verwaltet, da Julia ihre Vermittlung gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt und der Schlüssel deshalb vor Ort bleiben muss. Für uns ist die Wartezeit ein Glück, denn so kommen wir ins Gespräch. Ich frage alsbald, wie Julia die Entwicklung auf der Krim gefällt. Julia hebt beide Hände, für sie sei es der reinste Horror. Nicht weil sie etwas gegen Putin oder den Anschluss an Russland habe, das sei ihr ziemlich egal. Julia ist eine Russin aus Jalta und mit einem Ukrainer verheiratet. Ihre Wohnung in der Ukraine ist eigentlich nur zwei Autostunden von der Krim entfernt, wobei sie die Sommermonate hauptsächlich in Jalta verbringt. Doch jetzt gibt es diese neue Grenze und die Kontrollen dort machen aus einem Kurztrip eine Tagesreise. Sechs bis acht Stunden sei sie jedes Mal unterwegs. Ich frage, von wem sie mehr kontrolliert wird.
„Von beiden Seiten“, antwortet sie und dreht den Zeigefinger über der Stirn. „Die haben alle einen Knall.“
Sie regt sich über die neuen Beschränkungen auf, die zu den Sanktionen und Gegensanktionen gehören. Den Honig, den ihr Mann als Hobby-Imker gewinnt, darf sie ihren Eltern nicht mehr mitbringen. Umgekehrt darf ihre Mutter ihr keine Äpfel aus ihrem Garten mehr mitgeben.
Sie selbst ist nicht zum Referendum gegangen, erzählt sie. Ihre Mutter dagegen habe für den Anschluss gestimmt. Nicht nur das.
„Putin hier, Putin da, die ist ganz verrückt nach Putin“, macht Julia sich lustig. Sie halte sich da lieber raus. Für die Frau eines Ukrainers eine ziemlich logische Reaktion.
Wir wollen sie dann auch nicht länger mit politischen Themen quälen, mit denen sie sich ganz offensichtlich ungern beschäftigt.
Das Appartement, das sie schließlich für uns findet, ist genau das, was wir uns gewünscht haben. Es gehört zu einem kleinen Privathotel, ganz nah an der Strandpromenade und hat eine kleine Küche. Solche privaten „Mini-Hotels“ gibt es hier viele, auch in St. Petersburg. Sie decken einen großen Teil des touristischen Marktes ab. Dass Neckermann und co. hier fehlen, darf für diese Kleinunternehmer vermutlich noch eine ganze Weile so bleiben.
Die Häuser, die wir sehen, sind alle doppelt bis dreifach gesichert. Zuerst schließt man eine Tür in einem Eisenzaun auf, bevor man zu einem Appartement kommt, das wiederum gut gesichert ist. In Julias neuem Appartement-Haus gibt es noch zusätzliche Zwischentüren, regelrechte Panzerschränke, die den Zugang zu zwei oder drei Wohnungstüren zusätzlich absichern.
Wir fragen Julia, ob es in Jalta so viel Kriminalität gäbe.
Nein, überhaupt nicht, antwortet sie verwundert. Wie wir darauf kämen?
Na, wegen der vielen Sicherheitstüren.
Russische Touristen hätten eben ein großes Sicherheitsbedürfnis, erklärt sie uns.
Oha, denke ich. Wenn ein großes Sicherheitsbedürfnis zur russischen Mentalität gehört, ist es erst recht keine gute Idee, ständig NATO-Manöver vor Russlands Grenzen abzuhalten.
Hier in Jalta ist zum Glück alles friedlich. Von Armee sehen wir gar nichts. Auch später nicht. Höchstens vor einem Museum oder einer Kirche steht mal Ordnungspersonal in Camouflage-Kleidung, aber die sind nie bewaffnet. Bei einer ersten Stippvisite der Strandpromenade bekommen wir einen äußerst entspannten Eindruck. Familien und Paare jeden Alters flanieren gemächlich an der Kai-Kante entlang, das Meer rauscht, und alle paar Meter tritt ein anderer Musiker oder Künstler auf. Müde wie wir sind, gehen wir früh aber sehr beruhigt schlafen.


Eine russisch-deutsche Familie in Jalta

Am nächsten Morgen führt uns ein erster Erkundungsgang zur Markthalle. Eine Kwas-Verkäuferin freut sich, endlich mal wieder Deutsche zu sehen. Früher seien so viele hier gewesen, in diesem Sommer seien wir erst die zweiten an ihrem Stand, sagt sie bedauernd. Wir Deutschen werden hier offensichtlich vermisst.
Auf der Krim sei alles gut, beantwortet sie meine Frage. Hier schon, nur drüben in der Ukraine dieser Krieg, der ist schrecklich, sagt sie leise.
Auf dem Markt reihen sich die Stände der Krim-Bauern aneinander. Käse, Wurst, Gemüse, alles scheint aus der Region zu kommen und das Einkaufen macht echt Spaß. Nur beim Kaffee sehen wir nichts als Jacobs-Krönung und Melitta-Filterkaffee. Auf der Suche nach russischem Kaffee oder wenigstens Espresso bleiben wir an einem winzigen Shop stehen, der in seiner Auslage Espressotüten hat. Während wir uns beraten, dreht sich plötzlich eine kurzhaarige Frau um und ruft: „Ich höre Deutsch! Das gibt es ja nicht!“
Das ist Maria aus Jena. Sie ist seit ihrem Studium in Moskau vor vierzig Jahren mit einem Krim-Russen verheiratet, mit dem sie bis heute in Jena lebt. Seit einiger Zeit pflegt sie ihre fast neunzigjährige Schwiegermutter.
Wir laden sie umgehend zu einem Kaffee ein und wollen alles wissen. Sie sagt gleich, dass sie sich nicht besonders für Politik interessiere, ihr Leben sei momentan komplett von familiären Pflichten ausgefüllt. Doch auch sie klagt über die Folgen der Sanktionen. Seit zwei Jahren muss sie ein Visum für die Krim beantragen, das jährlich erneuert werden muss und nicht gerade billig ist. Der Flug über Moskau sei furchtbar umständlich, früher gab es Direktflüge aus Deutschland. Den Wechsel nach Russland sieht sie allerdings positiv. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Gründung der Ukraine sei es auf der Krim furchtbar gewesen.
„Es gab buchstäblich nichts“, erzählt sie. „Wir sind mit einer Tiefkühltruhe im Wohnwagen hierher gefahren und haben meinen Schwiegereltern Fleisch und Gemüse gebracht, damit sie was zu essen hatten. Und natürlich Geld.“
Sie erzählt, die Hotels von Jalta hätten alle paar Monate einen anderen Manager aus der Ukraine gehabt, der dann jeweils verschwunden sei und das Hotel mit leeren Kassen zurückgelassen habe. Die Ukraine hätten sich von der Krim geholt, was zu holen war, heißt es hier.
Erst nach und nach hat sich die heutige private Kleinwirtschaft entwickelt. Sie zeigt uns später das Kaufhaus im Zentrum, zu Sowjetzeiten ein prächtiger Konsumtempel, das jetzt traurig vor sich hin verfällt.
Eingekauft wird inzwischen vor allem in zwei großen Markthallen für Lebensmittel und für „Sachen“, wo sich private Anbieter und Händler aneinander reihen. Gerade der Lebensmittelmarkt ist eine tolle Alternative für die Supermärkte, die es in Jalta natürlich auch gibt, und in denen es auch jede Menge „Westprodukte“ zu kaufen gibt.
Dort sehen wir allerdings auch Milch aus der Ukraine und Bier aus Sibirien und fragen uns, wie das alles hierher kommt. Irgendwie müssen dafür ja eine Menge LKW‘s durch das enge Grenzschlupfloch zur Ukraine. Viele hoffen deshalb auf die neue Brücke von Kertsch zum russischen Festland. Doch manche sehen der Fertigstellung dieser Brücke auch mit Sorge entgegen. Jalta ist jetzt schon hoffnungslos mit Autos verstopft. Wie sollen da noch mehr Autos durchkommen?
Für Maria steht fest, dass es mit dem Anschluss an Russland auf der Krim aufwärts geht. Auch wenn wegen der Sanktionen die Preise arg gestiegen seien, und die Rente ihrer Schwiegermutter nun ziemlich knapp sei.
Aber trotzdem sei vieles besser. Die Straßen, das Wohnungsbauprogramm oder auch die medizinische Versorgung. Ihr verstorbener Schwiegervater lag noch zu ukrainischen Zeiten im Krankenhaus.
„Da mussten wir alles mitbringen. Bettzeug, Handtücher, Essen, sogar das Verbandszeug, als er operiert werden sollte. Das ist jetzt nicht mehr so. Allerdings, wenn du willst, dass es deinem Verwandten im Krankenhaus gut geht, musst du auch Backschisch zahlen, sonst kümmert sich das Personal nicht gut. Die verdienen ja auch nur wenig.“
Ihr Schwiegervater sei pünktlich am Tag des Referendums gestorben, erzählt Maria weiter. „Das war auch gut so. Der hätte sich nicht über den Anschluss gefreut.“
„Obwohl er selbst Russe war?“
„Ja, der hatte trotzdem eine schlechte Meinung von den Russen. Man kann das auch irgendwie verstehen. Die haben ihre ganze Intelligenzia umgebracht und alle Kirchen zerstört. Was bleibt denn da übrig? Ein Bauernvolk.“
Ein harsches Urteil über die Russen, aber Maria hat ihre Erfahrungen. „Im Grunde sind das ja ruhige Leute, aber wenn es hart auf hart kommt, sind die nicht zimperlich.“
Sie hat in der DDR bei der Polizei gearbeitet und mit einem russischen Soldaten zu tun gehabt, der aus seiner Kaserne geflohen war, was damals öfter vorgekommen ist.
„Der hat nicht gesagt, was man mit ihm gemacht hat. Wir wussten nur, wenn wir den ausliefern, dann wird er erschossen. Das haben wir dann auch nicht gemacht.“
Auf der Krim ärgert sich Maria darüber, dass manche Leute hier sehr schlampig mit ihrem Müll umgehen. Plastikflaschen und anderer Abfall werden manchmal einfach an den Wegesrand oder ins Gras geschmissen. In Jalta kommt dann ein Straßenkehrer und räumt den Müll weg, in den Wäldern bleibt der aber oft ewig liegen und verschandelt die Landschaft.
Auch wachsen auf der Krim nicht nur neue Hochhäuser mit bezahlbaren Wohnungen. In derselben Geschwindigkeit entstehen weithin sichtbare Luxusviertel, Prachtbauten mit enorm teuren Eigentumswohnungen. Woher die neuen Bewohner so viel Geld haben, weiß man nicht, aber das Misstrauen gegenüber den neureichen Russen ist groß. Mit rechten Dingen können die doch gar nicht zu so viel Geld gekommen sein.
Trotz aller Kritik an der russischen Mentalität hat Maria Verständnis für die russische Politik unter Putin. Der bemühe sich wenigstens, ein wenig Ordnung ins Land zu bringen. Auch die Aufnahme der Krim befürwortet sie.
„Was sollte Putin denn machen. Mit dem Assoziierungsabkommen wäre die NATO bis nach Sevastopol vorgerückt. Das geht doch nicht. Die NATO im Besitz der Schwarzmeerflotte. Da wären sie doch als nächstes in Russland drin. Da musste Putin doch Stopp sagen.“
Natürlich wollen wir wissen, ob sie etwas vom Referendum mitbekommen hat. An diesem Tag sollen russische Soldaten ja ihre Kasernen auf der Krim verlassen und nach westlicher Berichterstattung die Krimbewohner gezwungen haben, für den Anschluss zu stimmen.
Maria schüttelt entschieden den Kopf.
„Also hier in Jalta war niemand. Vielleicht in Sevastopol oder Simferopol, aber hier nicht.“
Sie hält das Abstimmungsergebnis für realistisch. Alle Nachbarn ihrer Schwiegermutter seien zum Referendum gegangen und hätten für den Anschluss gestimmt. Dafür, dass es so wenige Gegenstimmen gab, hat sie eine einfache Erklärung.
„Die, die dagegen waren, sind einfach nicht hingegangen.“
Nach dem Putsch in Kiew hat es wohl auch wenige gegeben, die FÜR einen Verbleib in der Ukraine stimmen wollten. Und wer das Gefühl hat, zwischen Teufel und Belzebub entscheiden zu sollen, der bleibt eben zu Hause.
„Was mit den Ukrainern passiert ist, versteht ja kein Mensch“, meint Maria.
Sie hat mehrfach erlebt, wie Ukrainer Russen plötzlich verbal angegriffen haben, einfach nur dafür, dass sie Russen waren.
„So was gab es hier früher nie. Auf der Krim hat es nie eine Rolle gespielt, ob du Russe oder Ukrainer warst. Jetzt geht der Riss manchmal mitten durch die Familie.“
Sie kenne auch einige Fälle von Ukrainern, die den Kontakt zu ihren russischen Nachbarn komplett abgebrochen hätten. Viele Ukrainer, die gegen das Referendum waren, hätten die Krim allerdings schon Richtung Ukraine verlassen. Insofern würden hier in der überwiegenden Mehrheit ohnehin nur noch Leute leben, die für das Referendum waren, meint Maria.
Dann muss sie auch schon los, ihre Schwiegermutter hat schon zweimal angerufen, um zu fragen, wo sie bleibe. Wir treffen Maria später noch ein zweites Mal, da reden wir allerdings kaum noch über Politik, sondern über die Probleme, die alle Menschen auf der Welt miteinander teilen. Generationskonflikte, Ärger mit dem Älterwerden, Krankheiten und andere familiäre Sorgen.
Wir begleiten sie noch über die Strandpromenade zur Bushaltestelle, und da schwärmt auch Maria, bei allen Vorbehalten gegen die russische Mentalität, von der Vielfalt an Kultur, die man hier in Jalta genießen kann.


Das verbotene Urlaubs-Paradies

Ob den westlichen Medien das nun passt oder nicht, Jalta ist einer der schönsten Orte, an dem man Urlaub machen kann. Und der Tourismus hier ist in den zwei Jahren seit 2014 schon wieder zu Höchstform aufgelaufen.
Zur Schönheit Jaltas gehören natürlich das zuverlässig schöne Wetter und zwei lange Strände am Schwarzen Meer, auch wenn es nur Kiesstrände sind. Sie sind abschnittweise in überschaubare Badebuchten eingeteilt und jede dieser Buchten bemüht sich um ein eigenes Flair, das die unterschiedlichen touristischen Reisegruppen anspricht. Fast über jeder Bucht befindet sich ein Spezialitäten-Restaurant, so kann man kirgisisch oder usbekisch schlemmen oder auch im hippen Havanna-Club „chillen“.
Dazwischen findet man auch eine „Stolowaja“, eine Art SB-Restaurant, die es im ganzen Land gibt (in St. Petersburg jedenfalls auch) und wo man zu sehr günstigen Preisen russische Standard-Gerichte (z.B. Borschtsch, Plini, Pelmeni oder Schaschlik) essen kann.
Die Strandbuchten sind privatisiert, man kann Strandliegen für umgerechnet 4 bis 6 Euro ausleihen, darf aber auch jeden Strand kostenlos nutzen und sein Handtuch einfach auf den Steinen ausbreiten.
Die Behauptung, die Krim sei nur etwas für reiche Russen, stimmt also nicht. In Jalta kann man auf jedem Preisniveau Urlaub machen.
Abends trifft man sich zum Flanieren auf der ellenlangen Uferpromenade, wo das reinste Musik-Festival stattfindet. Singer-Songwriter, die hier einfach „Barden“ heißen, stehen mit Mikrofon und Gitarre auf der Kaikante vor dem nächtlichen Meer und singen Lieder, die vom russischen oft jungen Publikum textsicher mitgesungen werden.
Etwas weiter oberhalb auf der Promenade hat jemand eine Musikanlage aufgestellt, aus der russische Volksmusik vom Blasmusikorchester ertönt, und man sieht meist ältere Paare begeistert dazu tanzen. Die haben sich sorgfältig zurecht gemacht, die Frauen gehen wohl selten ohne mindestens drei oder vier Schmuckstücke aus dem Haus, tragen helle, farbige Kleider, gern mit Strass und Glitzerelementen und sind aufwändig geschminkt.
Wem das nicht gefällt, der kann ja einfach weiter gehen. Zum Beispiel zu den Jungs mit der Hip Hop Performance, zum Zauberkünstler oder dem Streichquartett, das den ganzen Abend Vivaldi und Mozart spielt oder zur Rock-Band vorm Lenindenkmal, die es ordentlich krachen lässt.
Oder man besucht die Straßengalerien der Künstler, die zum Teil wirklich sehr schöne Bilder anbieten.
Das Problem ist höchstens, dass auch jedes Café an der Promenade noch seine eigene Musikbeschallung hat und man manchmal in akkustischen Stress gerät. Wir finden bald unser Lieblingsrestaurant ziemlich am Ende der Meile, wo eine Live-Band russische Schlager singt. Auch wenn wir nun wirklich keine Schlagerfans sind, aber auf Russisch klingt es dann eben doch alles ein bisschen weicher, und außerdem gibt es hier Aschenbecher auf den Tischen und einen sehr netten Kellner. Wir geraten schnell ins Urlaubsfeeling und denken nur manchmal, wenn wir nachts auf das Schwarze Meer hinaus blicken, an die Trägödie, die sich nicht weit von hier im Donbass abspielt.
Was wäre mit der Krim geschehen, hätte es den Anschluss an Russland nicht gegeben? Vermutlich hätte sich hier doch ein ähnlicher Bürgerkrieg entwickelt.
Die überwiegend russische Bevölkerung hätte den Pro-NATO-Kurs der Kiewer Regierung niemals einfach so akzeptiert.
Doch in dem rasenden Tempo, in dem die Krim jetzt modernisiert wird, erscheint es uns äußerst unwahrscheinlich, dass es hier noch einmal zu einem militärischen Konflikt kommt. Auch ein Bericht im Spiegel, der behauptet, auf der Krim würden die Sommerfestspiele des russischen Nationalismus abgehalten, entspricht absolut nicht dem, was wir hier erleben. Nationalistische oder politische Botschaften tauchen so gut wie keine auf. (Bis auf das kleine Symbol des Georgs-Bandes, aber dazu später.)
Dafür ist die Strandpromenade voller Schaukästen, die Mieter und Käufer für die neuen Appartements anwerben, die überall gebaut werden.
In unseren kurzen Gesprächen haben wir das Gefühl, die Leute sind froh, dass sie die politische Krise hinter sich haben und möchten nicht viel darüber reden.
Immer wieder werden wir gefragt, warum keine deutschen Touristen mehr kommen. Wir müssen dann immer erklären, dass Deutschland so wie alle Länder des Westens das Referendum auf der Krim nicht anerkennt, und deshalb deutschen Reisebüros verboten hat, Reisen auf die Krim anzubieten, weshalb es auch keine Direktflüge aus Deutschland mehr gibt. Das ist ein Teil der Sanktionen, die übrigens 2015 noch einmal verschärft wurden. Immer wenn wir das erklären, schauen uns die Leute auf der Krim total ungläubig an. Sie verstehen das einfach nicht. Aber wir ja auch nicht.
Ich habe fast den Verdacht, ein deutsches Tourismusgeschäft mit der Krim wird deshalb verboten, weil nicht so viele Deutsche sehen sollen, wie gut sich die Krim entwickelt. Aber das ist natürlich nur ein selbst gebastelter, vager Erklärungsversuch.


Im Palast der Jalta-Konferenz

Jalta ist nicht nur ein Strandparadies, sondern hat jede Menge Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele zu bieten. Ein Muss für deutsche Touristen ist der Livadija-Palast. Der Palast des letzten Zaren, Nikolaj II., in dem 1945 die Jalta-Konferenz stattfand, und die Siegermächte des zweiten Weltkrieges Deutschland unter sich aufteilten.
Die Besichtigung ist nur mit einer russisch-sprachigen Führung möglich, und so betreten wir unter dem Erklärungssermon einer russischen Museumsangestellten den Raum, an dessen Tisch die spätere Teilung Deutschlands praktisch vorbereitet wurde. Während ich diesen und die folgenden Konferenzräume eher beklommen besichtige, lassen sich russische Männer von ihren Frauen neben den Wachsfiguren von Stalin, Churchill und Roosevelt fotografieren. Dass wir Deutsche sind, bekommen manche vielleicht mit, doch scheint es sie nicht besonders zu interessieren. Nur, dass wir aus Sprachunkenntnis einmal der Aufforderung unserer Führerin nicht nachkommen, fällt einem Mann auf, und er scheint sich sofort über uns zu beschweren. Ich meine zu verstehen, wie die Museumsangestellte antwortet: „Das sind Deutsche, die verstehen nur ‚Hitler‘ und ‚Stalin‘“, aber vielleicht hat mir mein Kopf da auch ein eigenes Drehbuch angeboten.
Beim Betrachten der historischen Fotos bekomme ich noch mehr das Gefühl, dass dieser Stalin nicht nur ziemlich irre, sondern auch ziemlich dumm gewesen sein muss. Auf den Fotos lächelt er stolz und selbstgewiss in die Kamera, es scheint ihm extrem gut zu gefallen, dass er gleichberechtigt mit den bedeutendsten Staatsmännern der westlichen Welt an einem Tisch sitzt.
Seine Armee hat die deutsche Wehrmacht unter den schlimmsten Verlusten bis an die deutschen Grenzen zurück gedrängt, bevor die USA überhaupt auf die Idee kamen, in die Anti-Hitler-Allianz einzutreten. Doch in seinem Gesicht findet man kein Bedauern über die entsetzlichen Opfer (27 Millionen Tote), die seine Armee und das russische Volk in diesem Krieg erlitten haben.
Roosevelt und Churchill, die stolz darauf sind, das „moralische Bombardieren“ erfunden zu haben, finde ich allerdings auch nicht besser.
Was uns jahrzehntelang als Befreiung vom Hitler-Faschismus verkauft wurde, war für die Machthaber Roosevelt, Churchill und Stalin im Grunde auch nichts weiter als ein Feldzug der Machtausweitung. Auf den Fotos von Jalta inszenieren sich die drei jedenfalls ganz im Stile erfolgreicher Feldherren.

Schließlich habe ich genug von dieser Dokumentation und strebe dem Ausgang zu. In einer Vitrine im Flur entdecke ich ein Gästebuch, in dem sich Wladimir Putin eingetragen hat. Der war im November 2015 auf der Krim, nachdem unbekannte Täter einen Anschlag auf das Stromnetz der Halbinsel verübt hatten und so die Stromversorgung für Wochen lahm legten. Maria hatte uns davon erzählt. Im November wird es auch auf der Krim kalt, und bei manchen Leuten ging ohne Strom gar nichts mehr, weder Kochen, noch Heizen, noch warmes Wasser. Sie sagte, es sei für viele ein wichtiges Signal gewesen, dass Putin in dieser Situation persönlich dagewesen sei. Im Gästebuch im Livadija-Palast bedankt sich Putin bei der Krim-Bevölkerung für das Ergebnis des Referendums, mit einer großen, gleichmäßigen, aufwärts strebenden Schrift. Ein Mann, der weiß, was er will, denke ich sofort.
Für die Krim-Bevölkerung zumindest war der entschlossene Putin ein Glück.
Die Herstellung eines neuen, von der Ukraine unabhängigen Stromnetzes, ging für russische Verhältnisse enorm schnell. Schon im Januar floss der Strom wieder reibungslos, vorher zunächst stunden- dann phasenweise. Inzwischen werden auf der Krim zwei neue Elektrizitätswerke gebaut, eins in Simferopol, das wir vom Bus aus selbst gesehen haben und ein zweites in Kertsch.

Schließlich bin ich froh, den Livadija-Palast verlassen zu können. Es gibt wirklich schönere Tourismus-Ziele in Jalta. Zum Beispiel die Wohnstätten von Anton Tschechov, der hier und im benachbarten Gurzuf gelebt hat und traumhafte Gärten angelegt hat. Und das Theater von Jalta, das nach dem berühmten russischen Dramatiker benannt ist.


Festival im Tschechov-Theater

Das Tschechov-Theater von Jalta organisiert jedes Jahr zu Spielzeitbeginn ein Festival und die Eröffnung fällt mitten in unseren Urlaub. Neugierig kaufen wir zwei Karten für den Eröffnungsabend. So wurden wir auch Zeugen der Eröffnungszeremonie. Alle Besucher kamen mit ihren Biletis so gegen viertel vor Acht, um zwanzig Uhr sollte die Vorstellung beginnen. Etwa um dieselbe Zeit begann eine Eröffnungszeremonie und so mussten alle Zuschauer, ob sie wollten oder nicht, an dieser Zeremonie teilhaben, die sich mindestens 45 Minuten hinzog. Mit unseren wenigen Russisch-Kenntnissen konnten wir zumindest verstehen, dass es lauter Lobpreisungen, Begrüßungsworte und Dankesreden waren, also jede Menge Halleluja für dieses Festival. Untermalt wurde das alles von pathetischer Musik, unter Fanfarenklang wurden Fahnen gehisst, denn man feierte schließlich ein internationales Festival, wobei schnell ersichtlich wurde, dass sich die Internationalität mindestens zur Hälfte auf Theatertruppen aus ehemaligen Sowjetrepubliken bezog, auch aus der Ukraine (!), und dann noch ein paar Nachbarn aus Asien, und eine Truppe aus dem Iran. Aus dem Westen ist immerhin ein russisch-sprachiges Theater aus Berlin gekommen.
Uns ging das pathetische Sich-Selber-Feiern schon ein wenig auf die Nerven, aber auch die Russen standen eher höflich ungeduldig herum. Natürlich musste nun auch immer wieder betont werden, wie stolz man darauf sei, nun wieder ein Teil Russlands zu sein. Sogar eine Kulturbeauftragte aus dem Kreml wurde begrüßt. So richtig frenetisch reagierte allerdings nur ein junger Mann, der in seinem angedeuteten Militärlook aussah, als wäre er grad aus dem Donbass gekommen. Ein anderer rief der Gesandten aus Moskau während ihrer Rede sogar laut das Wort „Agitation“ zu. Sowohl der eine als auch der andere wurden von den Umstehenden beruhigt (typisch russisch eben) und endlich durften wir ins Theater auf unsere Plätze. Doch selbst da hörte das Pathos nicht auf. Weitere Begrüßungsworte und eine filmische Retrospektive über die vergangenen letzten 6 Festivals mussten noch abgesessen werden, bevor der Vorhang endlich für das Theaterensemble aus Archangelsk aufging.
Also es gehört wohl definitiv zur russischen Mentalität und Gesellschaft, sich selbst gehörig und ausgiebig zu feiern und alles Positive mehrfach feierlich zu betonen, zu beklatschen und hochleben zu lassen. Man wundert sich fast ein bisschen über die sonst so gelassenen Russen, aber das ist vielleicht das Geheimnis. Während sie ganze Tage und Wochen in stoischer Konzentration verbringen, nimmt sich dann die ganze Fülle der russischen Seele ihren Raum, um Großes und Erhabenes zu erleben. Uns dauer-ironischen Deutschen ist das natürlich fremd bis unangenehm.
Beeindruckend ist allerdings, wenn die Sehnsucht nach dem ganz großen Gefühl in die Kunst einfließt. Nach mehreren extrem enttäuschenden, völlig verkopften Theaterabenden in Hamburg war ich dann doch ziemlich froh, in Jalta einmal wieder richtig leidenschaftliches Theater zu sehen.
Die Russen aus Archangelsk spielten König Ödipus und hatten nicht die geringste Scheu vor hingebungsvollem Spiel, was eine antike Tragödie ja wirklich gut gebrauchen kann. Wir waren von allen Darstellern zutiefst beeindruckt.
Die Russen aus Berlin schenkten uns am nächsten Abend mit ihrem Mehr-Sparten-Mix aus Drama, Ballett und Komödie die pure Spielfreude. Dabei brachten sie aus der Berliner Hauptstadt auch eine Riesenportion Selbst-Ironie mit, aber nicht die, wo man überlegen wissend vor sich hin grinst, die waren wirklich richtig lustig.
Am ersten Abend blieben wir als Gäste noch ein wenig auf der Eröffnungsparty. Und feiern konnten diese Theaterleute auf jeden Fall. Zwar durften auch hier die Lobesreden nicht fehlen, aber diesmal waren es eher anerkennende Worte von Theaterkollegen an Theaterkollegen, mit viel Witz und oft, soweit ich es verstehen konnte, kurzen, klugen Reden. Getanzt wurde auch, aber nicht in jeweils sich gegenüber stehenden Paaren wie bei uns, wenn schon, dann in der Gemeinschaft, die allmählich jeden erfasste. Während ich schon mitten im Pulk mithüpfte, stellte sich K. mit seinem Foto-Apparat immer weiter abseits, um nicht wider Willen von der Tanzwut erfasst zu werden.
An diesem Abend lernten wir auch den Manager des russischen Theaters in Berlin kennen das auch seinen Namen trägt. Das russische Kabarett Lori, das ständiger Gast der jüdischen Gemeinde Berlins ist, wird von der russischen Community in Berlin gut besucht. Die sei in den postsowjetischen Zeiten stark angewachsen, vor allem russische Juden sind zahlreich nach Deutschland gekommen.
Ich frage Herrn Lori, ob sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Russen in Berlin seit 2014 irgendwie verändert habe. Doch Herr Lori winkt ab. Das einseitige Russland-Bild in den Medien berühre und interessiere sein Theater kaum.
Er zitiert eine Theaterweisheit: Die Sprache ist erfunden worden, damit man die Dinge verschweigen kann. Dann muss er schon wieder zu seiner Truppe.

Putin-Debatten am Strand und ein Wutanfall am Abend

Nach einigen erlebnisreichen Tagen bleiben wir einen ganzen Tag in einer der Strandbuchten. Während ich an meinem Tagebuch schreibe, liest K. unseren Reiseführer, der selbstverständlich schon vor 2014 veröffentlicht wurde, als es noch keine Krim-Sanktionen gab, und als man sich auch noch bemühte, die ganze Geschichte der Krim zu erzählen.
So erfahren wir, dass eine Volksabstimmung über eine Zukunft der Krim im postsowjetischen Russland gar keine so plötzliche und ungewohnte Sache war. Bereits 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Bildung der Ukraine hat es, so lernen wir, ein Referendum gegeben, in der die überwältigende Mehrheit der Krim-Bevölkerung für eine Angliederung an Russland gestimmt hat. Des Volkes Mehrheitswillen wurde damals nur durch juristische Winkelzüge der Ukraine gestoppt, die es schaffte, das Referendum für unzulässig zu erklären. Ein weiteres Mal hat die Krim-Bevölkerung sich mit Massendemonstrationen gegen die Versuche der Ukraine gewehrt, die Krim als künftige NATO-Region anzubiedern. Ein geplantes NATO-Manöver vor Feodossija, einem Ort auf der Krim wurde nach massivem Protest der Bevölkerung schließlich abgesagt.
„Was erzählen die uns bloß die ganze Zeit für einen Käse?“, regt K. sich auf.
„Bei diesem Hintergrund ist doch vollkommen klar, dass die Leute nach dem Putsch in Kiew nicht in der Ukraine bleiben wollten.“
Als ein junger Mann hört, wie wir uns aufgeregt unterhalten, spricht er uns an und will wissen, woher wir kommen. Als er erfährt, dass wir Deutsche sind, wird er sehr neugierig.
Sergej kommt vom Ural und fragt uns, ob er mit uns über Politik sprechen darf. Ich finde es bemerkenswert, dass er vorher so höflich fragt, und nehme mir vor, diese Bitte nach Deutschland mitzunehmen. Wir gehen vielleicht immer viel zu schnell mit unseren Meinungen aufeinander los.
Als erstes möchte er wissen, wie wir über die Entwicklung auf der Krim denken, und wir stellen schnell fest, dass wir ähnliche Standpunkte vertreten. Die Reaktion auf die NATO-Osterweiterung, das Selbstbestimmungsrecht der Krim-Bevölkerung usw. Er wirkt sichtlich beruhigt und fragt, ob alle Deutschen so denken wie wir.
Da müssen wir ihn leider enttäuschen. Wir erklären ihm, dass viele Deutsche glauben, Putin ginge es nur um persönliche Macht, und er strebe eine neue russische Weltherrschaft an. Sergej schaut uns ein wenig verblüfft an und fragt, woher wir das nehmen? Wieder sagen wir ihm, dass wir persönlich ja nicht so denken, aber die, die so denken, sind der Überzeugung, Putin sei ein machtbesessener Diktator.
Sergej gibt sich nun die größte Mühe uns zu erklären, warum dieses Bild seiner Meinung nach nicht stimmt. Putin sei für Russland der erste Präsident, der die Bedürfnisse der Bevölkerung ernst nähme. Er findet, dass das Leben innerhalb Russlands friedlicher geworden sei, seit Putin regiert. Er sei eben ein guter Politiker, der Konflikte lösen könne.
Zum Beispiel solche Sachen wie die Sanktionierung der Behindertensportler bei den Paralympics. In Russland hätten sich viele Leute furchtbar darüber aufgeregt, dass der Westen allen behinderten Sportlern die Teilnahme an den Paralympics verboten hat, ohne einzelne Doping-Überprüfung, das könne man normalen Sportlern schon nicht antun, und nun auch noch Behinderten. Putin hätte ja jetzt auch gegen den Westen wettern können, aber stattdessen habe er entschieden, dass man nun alternative russische Paralympics in Moskau organisieren werde, so seien die Sportler wenigstens nicht ganz leer ausgegangen. Und das sei eben typisch Putin, er suche immer einen konstruktiven Weg.
„Er ist einer von uns“, sagt der junge Sergej, fast genauso wie der alte Gabudat aus St. Petersburg.
Das klingt wirklich alles sehr ehrlich und Sergej fragt nun weiter, was Putin denn noch vorgeworfen werde. Nun müssen wir auch mit dem Lieblingsargument aller Putin-Kritiker heraus rücken, Putins angebliche Homophobie.
Sergej, der mit seiner kleinen Tochter und seiner Frau hier ist, mit denen er auch während unseres Gespräches ständig im Austausch bleibt, setzt zu einer längeren Erklärung an, die sich relativ schnell zusammenfassen lässt. Die meisten Russen hätten sich für das konservative Leitbild Familie entschieden. So wie Europa mit Homosexualität umgeht, fänden es Russen nicht richtig. Die Propaganda, die Homosexuelle in Europa für sich machen könnten, wolle man hier nicht.
„Wir haben nichts gegen Gays, wir wollen nur nicht, dass sie sich so in der Öffentlichkeit zeigen“, erklärt er uns, ohne den Widerspruch zu bemerken.
Allerdings fällt mir ein, dass Russen im Allgemeinen ihre Gefühle nicht sonderlich zur Schau tragen. Wir sehen äußerst selten Pärchen, die sich küssen oder Händchen halten.
Nun muss ich auch noch die schwersten Vorwürfe überprüfen, die in westlichen Medien herum geistern. Ich sage Sergej, dass in westlichen Medien behauptet wurde, in Russland würden Homosexuelle eingesperrt und sogar getötet. Zuerst glaubt Sergej falsch verstanden zu haben, jedenfalls fragt er mehrfach nach. Als schließlich klar ist, dass er richtig verstanden hat, schaut er mich mit derart aufgerissenen Augen an, dass ich einen Schamanfall bekomme. Ich hätte kaum anders reagiert, hätte jemand zu mir gesagt: Bei uns glaubt man, dass Schwule in Deutschland in den Knast kommen und ermordet werden.
„Um Himmels Willen, nein, ruft Sergej. Sie haben ihre Orte, an denen sie sich treffen können. Dort können sie doch machen, was sie wollen.“
Wir müssen ihn mehrfach beruhigen, bis er sicher ist, dass wir diesen extremen Vorwürfen ohnehin nicht glauben. Allerdings stelle ich mir schon vor, dass ein Homosexueller in Russland ähnlich gefährlich lebt wie in einem erzkatholischen bayrischen Dorf. Zumal, wenn dort kräftig getrunken wird.
Im Gespräch mit Sergej wird schon klar, dass die russische Gesellschaft Homosexuelle aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannen möchte. Sie sollen unter sich bleiben, in ihren Clubs, sie sollen keine Propaganda für sich machen, und keine Demos auf der Straße. Das entspricht ganz sicher nicht meinem gesellschaftlichen Ideal, und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass man Gays so wie Sergej es tut, tendenziell als „krank“ bezeichnet.
Nur gleichzeitig finde ich, dass der Westen die Sache seit 2014 enorm politisiert hat und ganz schön heuchlerisch ist. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie einer meiner absoluten Lieblingssänger, der homosexuelle Michael von der Heyde 2010 beim ESC aufgetreten ist. Alles an seinem Auftritt war typisch Gay und unsere deutschen Journalisten kriegten sich gar nicht mehr ein im Wettbewerb darum, sich über den Schwulen im goldenen Anzug lustig zu machen. Und die Journalisten der anderen Länder waren nicht besser, zwangsläufig landete von der Heyde auch auf dem allerletzten Platz. Wäre er vier Jahre später aufgetreten, 2014, hätte man ihn vermutlich gleich hinter Conchita Wurst gefeiert.
Um Sergej zu beruhigen, der immer noch über unsere Mordverdächtigungen entsetzt ist, kommen wir auf die Themen zurück, die er für sein Leben wichtiger findet. Und dazu gehört, dass er hofft, dass Putin noch ein paar Jahre an der Regierung bleiben kann. Russland sei gerade auf einem guten Weg, aber es gäbe noch sehr viel zu tun, und mit Putin an der Spitze habe er viel Hoffnung, dass es auch weiter geht.
Das ist nur die Meinung Sergejs, die ich hier wieder gebe. Allerdings scheint sie wirklich von vielen Russen geteilt zu werden. Manchmal sieht man einen Aufkleber mit einem Putin-Gesicht und den Worten „Vsjo Putjom“ oder „Vsjo Putinjom“ Puth heißt im Russischen auch Weg. Alles auf Putin oder alles auf dem Weg klingt dann sehr ähnlich. Was wir bei Sergej und noch anderen Gesprächspartnern erleben, ist die einfache Tatsache, dass viele russische Menschen ihrem höchsten Politiker vertrauen: „Der bringt das schon auf den Weg.“ Da können sich unsere Medien auf den Kopf stellen und Behauptungen und Vorwürfe verbreiten, wie sie wollen, sie können nichts dran ändern. Die Russen vertrauen ihrem Präsidenten. Weil er sich hochgearbeitet hat, weil er einer von ihnen ist, wie sie sagen. Und von dem Vertrauen, das Putin in der russischen Bevölkerung genießt, können Merkel, Gabriel und co. nur träumen, ob ihnen das passt oder nicht.
Am Abend nach unserem Strandtag bekommen K. und ich regelrechte Wutanfälle auf die deutsche Besserwisser-Gesellschaft.
Wieso akzeptieren wir die Entscheidung der Krim-Bevölkerung nicht? Wieso wollen wir einer russischen Gesellschaft, die siebzig Jahre Kommunismus und zehn Jahre wirtschaftliches und politisches Chaos überwunden hat, überhaupt etwas vorschreiben? Dass Homosexuelle bei uns akzeptiert sind, ist auch erst ein paar Jahre her. Was plustern wir uns überhaupt so auf? Wieso wird ein Präsident, der das Vertrauen seiner Bevölkerung erworben hat, von uns zur Projektionsfläche für unsachliche Feindbilder degradiert?
Und gibt es irgendwelche Russen, die mir erklären wollen, wie ich in meinem Land zu leben habe? Wir haben keine getroffen. Was bilden wir Deutschen uns eigentlich ein?




Bei den Krim-Tataren in Bachtschisaraj

Auf einer abenteuerlichen Marschrutni-Fahrt von Jalta nach Sevastopol und von Sevastopol nach Bachtschisaraj fahren wir zur Hauptstadt der Krim-Tataren. Die Krim-Tataren waren bis Ende des 18. Jahrhunderts die Herrscher in dieser Gegend, eine Herrschaft die Katharina die Große beendete, in dem sie die Krim von Russland annektieren ließ. Man merke sich: Die erste russische Annektion der Krim erfolgte auf Befehl einer Deutschen. Damals wurde die Krim mit Russen besiedelt und die Krim-Tataren waren praktisch nur noch geduldet. Fast 200 Kajre später, 1944, als die Deutschen auf der Krim einmarschierten, schlugen sich etwa 20.000 Krim-Tataren auf die Seite der deutschen Wehrmacht, um gegen die Sowjetunion zu kämpfen, doch etwa gleich viele Tataren kämpften in der sowjetischen Armee, um ihre Heimat gegen die deutschen Faschisten zu verteidigen. Eine tragische Geschichte, die noch tragischer weiter geht, denn Stalin ließ wegen der Kollaboration mit den Deutschen sämtliche Tataren, die seine Schergen in einer Nacht- und Nebel-Aktion auf der Krim zu fassen bekamen, nach Usbekistan deportieren. Dass das nicht alle überlebten, gehört auch dazu.
Seit 1989 nun kommen die Krim-Tataren, besser gesagt, deren Kinder und Enkel-Kinder in ihre Heimat zurück. Zu Tausenden. Das ist ungefähr so, als würden alle Kinder oder Enkel von Sudeten, Schlesiern oder Ost-Preußen wieder ins heutige Polen oder nach Tschechien gehen und sagen: Wir wollen jetzt wieder hier leben, das ist unsere Heimat. Nun, für die Krim-Tataren ist es vielleicht doch etwas anders, weil sie zumindest auf der ganzen Welt nur dieses eine kulturelle Zentrum haben, insbesondere den alten Khans-Palast in Bachtschisaraj.
Unsere Quartierssuche gestaltet sich wieder einmal extrem einfach. Wir sitzen in einem Bus, in dem ein netter Mann sitzt, dem wir sagen, dass wir eine Übernachtung suchen, eine „Schilje“. Er nickt verständig, steigt an der letzten Station vor steilen Felsmassiven mit uns aus und führt uns an einen Stand, wo eine Krim-Tatarin Souvenirs verkauft. Auf einem Parkplatz, der von solchen Souvenir-Ständen umringt ist. Die Verkäuferin nickt wiederum verständig und ruft jemanden an. Fünf Minuten später kommt Fedja auf einem Fahrrad und führt uns zu seinem Haus, das höchstens zweihundert Meter entfernt liegt. In seinem Garten hat er eine längliche Baracke mit drei Zimmern und einen einzeln stehenden Komfort-Bungalow mit eigner Dusche und Toilette gebaut. Wir können diesen Prachtpalast für ungefähr 15 Euro pro Nacht für uns beide haben. Dazu gehört sogar noch ein tatarischer Pavillon im Garten mit Sitzkissen und flachem Holztisch, wo man nach tatarischer Art gemütlich ohne Schuhe und mit hochgelegten Beinen sitzen kann. Ein weiteres kleines Paradies auf der Krim.
Nachdem wir uns eingerichtet haben, fahren wir noch einmal ins Zentrum der Tatarenstadt. Im Bus werden wir gleich von einer alten Frau angesprochen. Sie ist an den Deportationen offenbar vorbei gekommen. Sie habe ihr ganzes Leben in Bachtschisaraj verbracht, sagt sie. Und heute ginge es ihr sehr gut auf der Krim.
Eine andere Tatarin, die uns vor dem Khans-Palast noch eine Unterkunft anbieten will, fragt uns wie schon so viele vor ihr, wo denn die ganzen Deutschen bleiben. Sie selbst hat bis vor kurzem in der Türkei gelebt und sei wegen der Anschläge in ihrer Heimat auf die Krim zurückgekehrt. Im Laufe der Zeit treffen wir noch einige Tataren, und die meisten erzählen uns, dass sie Anfang der neunziger Jahre auf die Krim, „in die Heimat“ zurückgekehrt seien.
In den folgenden zwei Tagen sehen wir uns den Khans-Palast an und sind beeindruckt von der filigranen Schönheit, aber auch Schlichtheit des alten islamischen Kulturdenkmals. Am Abend erleben wir sogar eine Ballett-Aufführung unter freiem Himmel mit, in der die sehr gewaltsame, aber auch sehr poetische Geschichte erzählt wird, die einen berühmten Khan angeblich zum Bau des Tränenbrunnens bewegt hat. Ein Brunnen, der das Wasser durch eine äußerst kunstvolle Weise nur in Tropfenform weiterleitet, und deshalb so aussieht, als würden stets Tränen über sein Gestein fließen.
Als fleißige Touristen besuchen wir auch das Höhlenkloster und die Höhlenstadt von Bachtschisaraj, in der sich schon im Mittelalter Krim-Tataren niedergelassen haben und eine spezielle Volksgruppe, die Karaimer, die eine Religion zwischen Islam und Judentum pflegten und von denen es bis heute noch Nachkommen auf der Krim gibt.
Richtig ins Gespräch kommen wir eigentlich nur mit unserem Gastgeber Fedja, und das auch erst am Tag unserer Abreise.
Er ist 1991 als Enkel von Krim-Tataren aus Usbekistan auf die Krim gekommen. Nach einem fünfjährigen Zwischenaufenthalt in Marokko. Wir fragen ihn, was er vom Referendum hält und erhalten prompt die Antwort: „Gar nichts.“ (Nitschewo) Er nennt Putin „das russische Schwein“. Im Ukraine-Konflikt hält er klar zu den Ukrainern. Als wir fragen, was er gegen die Russen habe, sagt er, die Russen würden die Tataren diskriminieren. Wir fragen nach: Wie tun sie das? Er sagt, wenn sich zum Beispiel ein Tatare und ein Russe um einen Arbeitsplatz bewerben, dann würde ganz klar der Russe den Job bekommen. Diskriminierende Gesetze gibt es allerdings nicht. Auch haben die Tataren jetzt mehr Sitze im Krim-Parlament als früher.
Wir können uns allerdings schon gut vorstellen, dass es Spannungen zwischen Russen und Tataren gibt.
Vielleicht waren nicht alle Russen froh darüber, dass in den Neunziger Jahren Tausende Kinder und Enkel von Krim-Tataren auf die Insel gekommen sind, zu einer Zeit also, als es den Krim-Bewohnern ohnehin nicht gut ging.
Vorwürfe aus der Vergangenheit gibt es auf beiden Seiten.
„Ihr“ habt die deutschen Faschisten unterstützt bzw. „Ihr“ habt Stalin unterstützt.
Aufgrund dieser Vorurteile bzw. historischen Erfahrungen entstehen die neuen Parteinahmen im Ukraine-Konflikt, für die Ukraine oder für den Donbass. Und irgendwie ist jede Perspektive nachvollziehbar.
Eigentlich bräuchten Russen und Tataren auf der Krim noch immer eine Phase der Aussöhnung. Doch nun kursieren schon wieder neue Gerüchte. Das Attentat auf die Stromversorgung der Krim sei von Krim-Tataren verübt worden, heißt es.
Doch es ist nicht endgültig bewiesen. Und man fragt sich auch: Warum sollten sich Tataren ihre eigene Stromversorgung zerstören?
Wenn jemand ein Interesse daran hat, dass der Riss zwischen Krim-Tataren und Krim-Russen sich wieder vertieft, dann könnte er nichts „Besseres“ tun, als ein solches Gerücht über die Tataren zu verbreiten.
Im normalen Alltag scheinen die Tataren eher immer mehr präsent zu werden. So wissen wir von Maria, dass es noch nie einen so fleißigen tatarischen Souvenir-Markt auf der ganzen Krim gab wie in den letzten zwei Jahren. Auch wir sehen die Souvenier-Stände der Krim-Tataren, wohin wir kommen, und es sieht nicht so aus, als ob sie irgendjemand daran hindern würde.
Und das Problem mit dem Stromausfall wurde zum Glück konstruktiv gelöst. nach der Devise „Vsjo Putinjom“. Der Strom fließt heute zuverlässiger denn je auf der Krim, und die Anschuldigungen an die Tataren können so schnell vergessen werden.

Bei allen Ressentiments den Russen gegenüber hat Fedja zu unserer Verwunderung eine Bronzebüste von Feliks Dserschinski an einer Wand angebracht, also praktisch vom Gründer des russischen KGB, zumindest seiner Vorform der Tscheka. Als wir nachfragen, erfahren wir, dass Fedja auf der ukrainischen Krim 15 Jahre als Polizist gearbeitet hat, viele Jahre davon in einem Gefängnis. Jetzt sei er allerdings in Pension. Daher offenbar der Bezug zu Dserschinski oder ist der Kult um den einstigen Feind tatarischer Humor? Wir verstehen es nicht so ganz.
Fedja fährt uns noch zum Flughafen, gegen Bezahlung natürlich. Vorher kaufen wir ihm noch eine Flasche von seinem Wein ab, ein Glas selbstgemachte Marmelade schenkt er uns.
Als wir an den Schildern mit Putin und seinen Versprechen für die Krim vorbeikommen, wiederholt Fedja mehrmals seine Beschimpfung vom russischen Schwein. Wir reagieren nicht darauf. Schließlich sagt er, dass die Russen damals seine Großeltern deportiert hätten, das sei einfach zu schlimm gewesen. Das werde er den Russen halt nie verzeihen.
„Eto ponimaju“, antworte ich. Große Gefühle sollte man besser nicht infrage stellen.
Um vom Thema abzulenken, und weil es mich wirklich interessiert, frage ich ihn, ob er genug Rente bekommt.
„Nicht viel und nicht wenig“, sagt er. „15.000 Rubel (200 Euro) Hier kann man davon leben.“
Da er mir noch gar nicht so alt vorkommt, sage ich: „Darf ich fragen, wie alt du bist?“
„Klar“, sagt er. „Ich bin 45 und seit sieben Jahren Rentner. Ich war 15 Jahre in der Ukraine Polizist, und danach konnte ich in Rente gehen. Das ist für alle Polizisten so.“
„Und wer zahlt jetzt deine Rente?“, frage ich weiter.
„Die Russen.“
K. und ich schauen uns schweigend an. So schlimm scheint es mit der Diskriminierung der Tataren jetzt nicht zu sein.
„Aber ich verdiene ja noch mehr Geld“, erklärt Fedja. „Mit meinem Mini-Hotel und mit dem Weinanbau. Damit komme ich schon ganz gut zurecht.“
Fedja erzählt uns von Gorbatschow. Der wollte das Alkoholproblem der Russen lösen, und ließ deshalb auf der Krim sämtliche Weinstöcke vernichten. Das war natürlich ein Riesendesaster für die Weinbauern auf der Krim und für Fedja ein weiterer Beweis, dass die Russen alle Idioten sind.
Eigentlich hören wir von Fedja überhaupt keine Klagen, was seine jetzige Lebenssituation betrifft. Es geht ihm ausgesprochen gut. Nur das Ausbleiben der Touristen aus Europa bedauert er sehr.
„Früher waren hier so viele“, schwärmt er während unserer Autofahrt. „Tschechen, Polen, Franzosen, und natürlich Deutsche, viele Deutsche.“
Ich habe das Gefühl, er bedauert nicht nur das Fehlen von Geschäftseinnahmen. Vermutlich hätte er auch gern einfach noch ein paar andere Menschen auf der Krim als lauter russische Touristen. Wenn der Westen sich wirklich Sorgen um die Krim-Tataren macht, dann könnte er einfach die Tourismus-Sanktionen für die Krim aufheben. Darüber würden sich die Krim-Tataren am allermeisten freuen.
Später weist Fedja auf neugebaute Einfamilienhäuser, etwas weiter vom Straßenrand entfernt.
„Da schaut euch das an. Das sind alles Tataren. Die sind fleißig, die saufen nicht so wie die Russen. Die arbeiten und bauen sich Häuser. Die machen was.“
Ich erinnere mich an Fedjas Worte, dass Tataren keine Jobs bekommen.
„Was arbeiten sie denn?“, frage ich neugierig. Fedja schweigt.
Nach einer Weile sage ich: „Wir müssen noch arbeiten, bis wir 65 sind, bwz. 67 sind.“
Fedja schaut konzentriert auf die Straße. Das muss er auch, wir sind in Simferopol angekommen, und er muss über viele Autobahnschleifen zum Flughafen.
Als wir angekommen sind, fürchte ich, dass er wegen meiner hartnäckigen Fragen ein bisschen sauer ist. Aber nichts davon ist zu spüren. Er drückt uns nacheinander sehr fest und sehr herzlich an seine Brust.
„Toll, dass ihr da wart. Alles Gute für euch. Kommt wieder.“


Von Georgsband und Militarismus

Ich wurde ja mehrfach vorgewarnt, in Russland herrsche gerade ein unerträglicher Militarismus, und so schauen wir natürlich auch hier mit kritischem Auge um uns.
Was uns auffällt, ist das St.-Georgs-Band, ein schwarz-orangenes Band, meist zu einer Schleife gebunden, das man entweder in Natura oder in Form eines Aufklebers an allen möglichen Stellen finden kann. Es hängt in Taxen oder Bussen, klebt an Heckscheiben, wird an einem kleinen Holzständer auf Rezeptionstischen drapiert.
Es ist das Symbol des Sieges über die deutsche Wehrmacht, überlebende Soldaten und Offiziere haben es verliehen bekommen. Man findet es wesentlich häufiger als etwa Putins Porträt, das wir nur sehr selten sehen. Vor allem auf der Krim begegnet es uns ehr häufig und sieht in den meisten Fällen ziemlich neu aus. Es ist ziemlich klar, dass die Russen mit diesem Symbol nicht nur die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkrieges meinen, sondern sich mit den Leuten in der Ost-Ukraine solidarisieren. Für die Russen auf der Krim ist klar, dass der Angriff aus Kiew kommt. So wie die deutsche Armee mit Panzern und Bombenflugzeugen Russland überfallen hat, so fahren nun wieder Panzer aus Kiew Richtung Osten und fliegen Luftangriffe an eine „Ostfront“. Man muss schon nüchtern feststellen, dass dies in umgekehrter Richtung nicht der Fall ist. Den Kampf der Rebellen im Osten vergleichen Russen daher mit der Verteidigung von Leningrad, Moskau oder Stalingrad gegen die deutschen Faschisten. „Faschisten“ ist hier der normale Sprachgebrauch für die ukrainische Armee und insbesondere für ihre Führung Poroschenko und Jazenjuk. Viele der Russen auf der Krim haben Verwandte in der Ost-Ukraine, sie wissen sicher besser, was dort passiert als deutsche Journalisten, die ausschließlich aus dem Kiewer Pressezentrum berichten.
Dabei brechen alte Geschichten auf. Haben die Ukrainer doch schon einmal mit deutschen Faschisten kooperiert, um Russen und Juden im Osten des Landes umzubringen. Doch wie gesagt, all das war Jahrzehnte lang begraben und vergessen, wie uns Maria versicherte. Dass das jetzt plötzlich alles wieder hochkommt und die alten Fronten wieder neu befeuert werden, das sei nicht spontan entstanden. Von der Krim ging diese Feindschaft jedenfalls nicht aus, beteuert sie uns. Auch fallen uns nirgends propagierte Feindbilder auf. Einmal sehe ich eine satirische Karte, auf der Poroschenko abgebildet ist, wie er Merkel, Obama und Hollande wie Puppen für seine Zwecke tanzen lässt. Aber Hassparolen, Schmähungen von Ukrainern oder Ähnliches finden wir wirklich nicht. Einmal sehen wir einen Aufkleber mit einem Panzer, einem Georgsband und der Aufschrift „Nach Berlin!“. Später sehen wir dieses „Nach Berlin“ ohne Panzer allerdings auf einem Motorrad und vermuten, dass es der Aufkleber der „Nachtwölfe“ ist, also die Motorrad-Gang, die jeweils am 9. Mai zu einer Friedensfahrt nach Berlin fährt. Die allermeisten Georgsbänder sind mit Aufschriften versehen, wie: „Danke Großvater für den Sieg!“ Oder „Immer in Gedenken, immer in Trauer!“
Über diese Gesten von Solidarität mit dem Donbass und Gedenken an die Opfer des Krieges geht diese Inflation der Georgsbänder also kaum hinaus.
Und dass sogenannte Heldenfriedhöfe seit dem Ende des zweiten Weltkrieges mit seinen Abermillionen gefallenen Soldaten inzwischen zu jedem Ort Russlands gehören, kann man diesem Land nun wirklich nicht vorwerfen.
Auch ein Blick in die Spielzeugläden auf der Krim hat mich eher beruhigt.
Während ich mich in Deutschland schon oft geärgert habe, dass die Regale mit Starwars und anderen Baller- und Schießspielen voll stehen, waren die Läden hier einfach voller traditionellem Spielzeug. Höchstens mal ein Holzschwert oder eine Wasserpistole und eine winzige Sammlung an Computerspielen mit Spongebob oder so, aber ansonsten sah es hier deutlich friedlicher aus als in deutschen Spielzeugläden.

Lediglich auf dem Flughafen von Simferopol, in der Halle, in der Fluggäste, die die Krim verlassen, auf das Boarding warten, wird man plötzlich von einem patriotischen Schaukasten überrascht. Es ist ein regelrechter Altar zur Ehrung von Russland und insbesondere seiner Armee. Über die Hälfte der Plakate, Sweat-Shirts, Mützen, Fotos und Plaketten huldigen der russischen Armee. „Die einzige, mutige, tapfere und unbesiegbare Armee!“ liest man auf T-Shirts. Hätten wir das überall auf der Krim gesehen oder auch überall in Petersburg, dann wäre mein Russland-Bild ganz sicher ein anderes geworden. Haben wir aber nicht.
Allerdings waren wir auch nicht in Sevastopol, dem Stützpunkt der Schwarzmeerflotte. Aber dass man da, wo Militär ist, auch Militär präsentiert bekommt, wäre ja nichts Besonderes.
Warum aber am Abflug-Gate in Simferopol? Vielleicht soll es ja eine Botschaft an jeden sein, der die friedliche Insel verlässt: Wagt euch bloß nicht, mit Waffen wieder zu kommen und das friedliche Leben hier anzugreifen.
Uns jedenfalls kann dieser eine Schaukasten die Erinnerungen an einen rundum friedlichen Krim-Urlaub nicht mehr trüben.


Abschied von St. Petersburg, dem ehemaligen Leningrad

Zurück in St. Petersburg treffen wir uns noch einmal mit Svetlana und ihrem Mann Dima. Dima arbeitet seit vielen Jahren als eine Art Revisor und Wirtschaftsberater in Personalunion für eine Regulierungsbehörde im Bereich Budgetierung. Sein täglicher Job ist es also auch, Verdachtsmomenten von Korruption oder persönlicher Bereicherung nachzugehen. Wir kommen auf Personen wie Chodorkowski zu sprechen, die sich in der postsowjetischen Zeit enorm bereichert haben. Dima und Svetlana wenden ein, dass es insgesamt ziemlich schwer sei, über solche Leute zu urteilen.
In dieser Zeit habe es einfach Leute geben müssen, die wirtschaftlich aktiv wurden. Wir erfahren, wie staatliche Betriebe aufgelöst wurden. Man habe an die Mitarbeiter einfach im Gießkannen-Prinzip Voucher von gleichem Wert verteilt, also eine Art Aktienanteile. Viele wussten gar nicht, was sie mit diesen Papieren anfangen konnten, und da war es für Leute, die Ahnung von Wirtschaft hatten, sehr einfach, ihnen diese Scheine abzukaufen, vermutlich oft weit unter Wert, und dann weiter zu investieren bzw. zu sehr viel höheren Preisen an westliche Investoren zu verkaufen. Einige hätten ja auch ganz gut gewirtschaftet und dafür gesorgt, dass die Betriebe wieder ins Rollen kamen. Andere haben die völlig unklare Gesetzeslage ausgenutzt, um sich während dieser Phase vor allem privat zu bereichern. Dima und Svetlana glauben, dass sich ohne die neuen „Bissnesmeni“ nichts in Russland entwickelt hätte. Besonders für den juristisch luftleeren Raum in den Neunziger Jahren galt die einfache Regel „Wer was macht, kommt an die Macht.“ Und da es nahe liegt, dass solche Leute in der Regel eher aus egoistischen Motiven handeln, sei die Anhäufung von privatem Reichtum schon fast ein natürlicher Nebeneffekt.
Nach siebzig Jahren Kommunismus sei zunächst ein völlig unkontrolliertes spontanes Unternehmertum explodiert. Erst mit der Ära Putin haben sich allmählich Institutionen zur Regulierung der Wirtschaft entwickelt.
Wobei Putin den neuen Oligarchen ja sogar versprochen hatte, ihre illegalen Bereicherungsfeldzüge aus den Neunziger Jahren nicht zu verfolgen, solange sie sich nicht in die Politik einmischen.
Mag sein, dass „uns“ ein solcher Deal unsauber vorkommt, doch unterschätzt der einfache Russlandkritiker vermutlich, welche gewaltige Aufgabe es war und ist, zuverlässige gesellschaftliche Strukturen in Russland aufzubauen. Für uns ist die westliche Wirtschaftsstruktur mit ihren Kartellämtern und Revisionsbehörden etwas völlig Normales. Doch hat sich dieses System auch nicht in 16 Jahren entwickelt und man muss wohl einfach anerkennen, dass die russische Gesellschaft noch nicht sehr viel Zeit hatte, um sich zu konstituieren.
Und wenn sich westliche Medien lauthals über eine neue Diktatur in Russland aufregen, dann reden sie vor allem Unternehmern das Wort, die nicht mehr so zügellos schalten und walten können wie unter Jelzin. Das weiß eigentlich auch jeder.
Im Falle Chodorkowski sind Dima und Svetlana überzeugt, dass der Oligarch zu weit gegangen ist. Wer in wenigen Jahren ein privates Milliardenvermögen angehäuft hat, das ihn zum sechst-reichsten Mann der Welt gemacht hat, kann nicht legal gehandelt haben. Auch halten unsere Freunde nicht viel davon, dem Westen nachzueifern, so wie Chodorkowski es ja verlangt.
„Wir können weder den Weg des Sozialismus fortführen noch einfach so die westlichen Gesetze übernehmen. Wir müssen einen Weg finden, in dem sich die russischen Menschen wieder finden“, sagt Svetlana.
Und der liegt vermutlich irgendwo zwischen Privat- und Staatskapitalismus.
Dima hat Wladimir Putin persönlich kennen gelernt und großen Respekt vor ihm. Er findet, eins der größten Probleme bei Politikern sei, dass sie häufig überhaupt keine Ahnung von Gesetzen hätten. Bei Putin sei das anders, er habe sich ein umfassendes juristisches Wissen erarbeitet.
„Ein typischer KGB-Mann“, versucht er uns Putin zu beschreiben und meint damit eher so eine Art James-Bond-Ideal. „Der nimmt alle Informationen auf, die er bekommen kann, ordnet sie, und versucht, die richtigen Konsequenzen zu ziehen.“
Auch Dima teilt das Bild des Politikers, der „einer von uns“ ist. Putin habe sich durch die Institutionen nach oben gearbeitet und war nicht, wie etwa Gorbatschow oder Jelzin ein Leben lang nur Parteikader oder, wie man hier sagt, „Aparatschik“.
Dima hat Putin auch vor dessen Amtszeit bei der Arbeit in der Regulierungsbehörde kennen gelernt und ist stolz darauf, schon mal Wodka mit ihm getrunken zu haben. Allerdings habe Putin nur ein Gläschen getrunken und sei dann gleich wieder aufgestanden, um weiterzuarbeiten.
„Der ist schon sehr ehrgeizig. Und er will wirklich Präsident sein.“
Svetlana lacht. „Das stimmt. Anders als Medwedjew. Bei dem heißt es, man musste ihm erst eine große Villa schenken, bevor er sich bereit erklärt hat, ein paar Jahre Präsident zu sein.“
Natürlich frage ich Dima auch, ob ihm bewusst ist, wie westliche Medien Putin darstellen würden, und dass man ihn gerade als machtgierigen Welteroberer dämonisiert. Dima lacht, als er das hört. „So ein Quatsch!“ Aber er regt sich auch nicht darüber auf. Solches Gerede sei für ihn ein Ausdruck dafür, dass Putin offenbar eine wichtige Person ist, an der man nicht vorbei käme. Und das sei doch gut so.
Nach dem Essen, diesmal bei einem Georgier, laden uns die beiden noch zum Kaffee in ihre Wohnung ein. Diese Wohnung liegt in einem ehemaligen Offizierswohnblock des einstigen Winterpalais, also mitten im Zentrum, in nächster Nähe zu Eremitage und Auferstehungskirche. Schon Svetlanas Großmutter hat hier gewohnt. Die Miete beträgt um die vierzig Euro.
Seit zwei Tagen haben sie Internetfernsehen und Svetlana zeigt uns den Bürgersender von Petersburg, auf dem gerade ein Mann seinen Unmut über irgendetwas äußert, das in der Schule seiner Tochter passiert ist. Schließlich verabschieden wir uns von den beiden und nehmen endgültig den Eindruck mit, dass Russland ein Land im Aufbruch ist. Es wird viel diskutiert und nach Wegen und Werten gesucht, und wenn dabei die Richtung eher zu alten, konservativen Idealen geht, mag man sich im Westen darüber aufregen oder nicht, die meisten Russen, so scheint es, interessieren sich herzlich wenig für diese Aufregung.

Am letzten Tag gehen wir schließlich zum Leningrad-Denkmal auf der Moskowskaja Ulitza, das zu Ehren der Verteidiger der Stadt gegen die deutsche Belagerung errichtet wurde. Ein riesiges rundes Monument, in dessen Innerem non-stop russische Klassik gespielt wird. Oberhalb sieht man weithin Skulpturengruppen übergroßer Heldenstatuen.
Im Museum im Untergeschoss zeigt eine Ausstellung, wie sich die Menschen in Petersburg 900 Tage lang gegen die Belagerung der Wehrmacht verteidigt haben. Wenn man hier steht, wird einem deutlicher denn je, welcher Irrsinn es war, dass eine deutsche Armee bis nach Petersburg, Moskau, Stalingrad und andere russische Städte vorrückte, um ihre Bewohner zu vernichten bzw. ihnen die deutsche Herrschaft aufzuzwingen. Drei Jahre lang war Leningrad von dieser vollkommen wahnsinnigen Armee umzingelt. Während freiwillige Soldaten gegen die deutschen Besatzer kämpften, wurde die Stadt täglich bombardiert und war von einer Versorgung von außen bis auf einen kleinen Korridor über den Ladoga-See abgeschnitten. Etwa eine Million russische Soldaten sind gefallen, und noch einmal rund eine Millionen Zivilisten sind an Hunger oder mangelnder Versorgung gestorben.
Und kaum mehr als siebzig Jahre später haben unsere Politiker nichts Besseres zu tun, als Sanktionen zu verhängen, unter denen wieder die ärmsten Russen am meisten leiden. Ein letztes Mal empfinden wir bei diesem Gedanken Scham und Wut auf die eigene Regierung.

Das Einzige, was uns nun am Ende unserer Reise beruhigt, ist die Gelassenheit der Russen, die wir in unseren vielen Gesprächen erlebt haben.
Wir haben auch nicht mehr das Gefühl, dass wir uns vor einem Krieg mit Russland fürchten müssen. Die Russen sind viel zu sehr auf die Entwicklung ihres Landes und auf die Lösung ihrer eigenen Probleme konzentriert.
Und was die Sanktionen betrifft - irgendwie bekommt man den Eindruck, der russische Bär kratzt sich da einmal am Fell und dreht sich dann nach Asien um.
Das ist schade für uns, aber konstruktiv für Russland.

Natürlich ist mir bewusst, dass die Auswahl meiner Gesprächspersonen vom Zufall selektiert wurde, und dass ich nach drei Wochen Russland noch weit davon entfernt bin, diese Gesellschaft völlig zu durchschauen. Und sicher gibt es auch viele andere Erfahrungen und Ansichten, die ebenso ihre Berechtigung haben. Mich würden sie sehr interessieren.

Einwände, Kritiken oder Anregungen nehme ich daher gern entgegen und stelle sie, sofern sie mir wesentlich und berechtigt erscheinen, auch gern hier zur Diskussion.

info@katrinmcclean.de






© Katrin Dorn, 2005